Clepa: EU-Kommission handelt übereilt

Sigrid de Vries, die Generalsekretärin der Europäischen Vereinigung der Automobilzulieferer, geht mit den Vorschlägen der EU-Kommission im Rahmen des „Green Deal“ ins Gericht. Das Vorgehen bezeuge eher Eile statt Umsicht. Die CO2-Ziele müssten überdacht werden.

Die EU-Ziele zur Klimaneutralität müssen korrigiert werden, sagt die Generalsekretärin der Clepa Sigrid de Vries. Symbolbild: Annica Utbult | Pixabay.
Die EU-Ziele zur Klimaneutralität müssen korrigiert werden, sagt die Generalsekretärin der Clepa Sigrid de Vries. Symbolbild: Annica Utbult | Pixabay.
Claudia Leistritz

Die Generalsekretärin der Clepa (European Association of Automotive Suppliers) hat sich heute zu den anvisierten Maßnahmen der EU-Kommission zur CO2-Reduzierung bei Pkw und Vans zu Wort gemeldet. Der „Green Deal“ zeige sich in der Automobilindustrie gegenwärtig, im Gegensatz zur eigentlichen Bedeutung des Wortes „Deal“, nicht in Form einer Zusammenarbeit auf diesem Gebiet sondern im Verbot.

Ursula von der Leyen, so de Vries, habe sich von Anfang an mit ihrem Team bemüht in begeisternden Worten zu schildern, wie den auf Europa zukommenden Herausforderungen zu begegnen sei. Man könne jedoch nur schwer einsehen, wie die kühnen Schlagworte beispielsweise zu Innovation oder Technologieoffenheit mit den zu Papier gebrachten Gesetzen zu vereinbaren seien; und berechtigte Bedenken würden tendenziell nicht in der Substanz angesprochen, sondern auf Grundlage von Überzeugungen.

Auch die Kosten falschen Handelns bedenken

Regierungen hätten ihre Befürchtung zum Ausdruck gebracht, dass auf die Bürger steigende Kosten für Mobilität und Heizen zukommen würden. Der Green-Deal Kommissar Frans Timmermanns hätte den Spieß aber einfach umgedreht und gesagt, man solle doch die Kosten durch Nichts-tun bedenken. Aber:

„Lassen Sie uns für einen Moment auch bedenken was es kostet, wenn man es falsch macht“,

antwortet de Vries darauf.

„Gegen Technologieverbote“

Im Blick auf CO2 und Autos habe Timmermanns in früheren Interviews und Aktionärsmeetings bemerkt, er sei „kein Freund von Technologieverboten“ und wolle stattdessen „klare Signale geben, wohin es gehen soll“. Demzufolge solle der jetzt veröffentlichte Gesetzesvorschlag für Autos und Vans Technologieneutralität beanspruchen, so de Vries.

Verbrennermotor kann klimaneutral betrieben werden

Genau das aber sei nicht wahr. Ein Ziel der hundertprozentigen Reduzierung bis 2035 für Emissionen aus dem Auspuff des Fahrzeugs schreibe de facto vor, was künftig zu produzieren sei: nämlich nur Elektrofahrzeuge. Der Vorschlag verwerfe somit den Beitrag, den erneuerbare, nachhaltige Kraftstoffe leisten könnten; denn mit diesen könne der Verbrennermotor klimaneutral betrieben werden. Das batterieelektrische Fahrzeug dagegen sei nur klimaneutral, wenn es mit erneuerbarem Strom geladen werde. De Vries:

„Aus technischer Sicht ist es sehr schwer vorstellbar warum Möglichkeiten und Technologien, die helfen könnten, die Ziele schneller und effizienter zu erreichen, verworfen werden nur weil es politisch schwierig scheint in diese Richtung zu gehen.“

Eile vor Umsicht

Zur schwierigen Umsetzung von Visionen brauche es viele zusammenwirkende Kräfte. Die jüngsten Überschwemmungen in Teilen Europas hätten die Dringlichkeit nicht nur von Klimaschutzmaßnahmen, sondern auch die hohe Bedeutung von robusten und widerstandsfähigen infrastrukturellen Netzwerken unterstrichen. Die Kommission dagegen habe sich für Eile statt Umsicht entschieden.

Beispielloses Ausmaß an industrieller Transformation

Das Ziel der Klimaneutralität bis zum Jahr 2035 (statt 2050) sei für eine industrielle Transformation in diesem Ausmaß absolut beispiellos und ein Grund zu großer Besorgnis, so de Vries weiter:

„Für Autohersteller und Zulieferer ist 2035 praktisch morgen.“

Die typische Lebensdauer für ein Automodell betrage sieben Jahre mit höchstens einem Update. Die Fertigungszyklen in der Industrie bewegten sich um diesen Zeitrahmen; der vorausgegangene Designzyklus dauere durchschnittlich weitere drei bis fünf Jahre. Investitionsentscheidungen würden auf Jahre im voraus getroffen, dazu müssten Menschen geschult und umgeschult werden.

Industriellen Niedergang vermeiden

Das Ziel für Klimaneutralität bis zum Jahr 2050 halte die Automobilindustrie dagegen für machbar und realistisch, so Sigrid de Vries. Dazu jedoch müsste der gesamte Sektor an einem Wandel mitwirken, um „den industriellen Niedergang in Europa“ und unnötige Umwälzungen für Millionen von Lebensgrundlagen zu vermeiden. Die Automobilzulieferbranche sei voller Innovationen und mit 1,7 Millionen direkt Angestellten sowie den 1,2 Millionen Angestellten der Autohersteller stehe viel auf dem Spiel.

Europa verzichtet auf wettbewerbsfähige Technologie

Europa scheine die wettbewerbsfähige Technologie aufzugeben, so de Vries weiter, die in Europa und im Ausland die Mobilität außerhalb der Städte noch auf lange Zeit hin antreiben werde, und die mit erneuerbaren Kraftstoffen und grünem Wasserstoff sauber und klimaneutral sein könne. Das Paket „Fit for 55“ dagegen erkenne nicht an, welchen Beitrag erneuerbare Energien für den Straßentransport leisten könnten und müssten:

„Ein technologieoffener Ansatz würde die Emissionen schneller senken und Arbeitsplätze sowie Wettbewerbsfähigkeit in Europa unterstützen.“

Chance des Green Deal – Lebenszyklus statt Auspuff

Der Green Deal biete eine einzigartige Gelegenheit, Europa auf einen konsequenten und klaren Weg hin zur Klimaneutralität zu bringen. Besonders für Fahrzeuge würde das bedeuten, von einem vom „Auspuff“ her gesehenen Ansatz zu dem des „Lebenszyklus“ überzugehen. Dies, so die Generalsekretärin, könne innerhalb des gegenwärtigen Rahmenwerks mit dem Ziel für das Jahr 2050 geschehen. Dort wo die Elektromobilität die beste und ökonomischste Lösung darstelle, werde sie auch Erfolg haben. Das Geschäft wachse schnell, besonders wo es Anreize und Ladepunkte gebe, doch

„wo die Mittel und die Ladeinfrastruktur nicht vorhanden sind, sollte es Raum für Alternativen geben.“

Das Europäische Parlament und der Rat müssten nun den Vorschlag bewerten. Eine Anpassung kann frühestens im Herbst mit dem Bericht des Europäischen Parlaments über eine nachhaltige und intelligente Mobilitätsstrategie vorgenommen werden.

„Die Automobilzulieferer werden dieser wichtigen Debatte weiterhin Erkenntnisse aus erster Hand und intelligente politische Vorschläge beisteuern. Die Ziele werden geteilt. Nun lasst sie uns zum Laufen bringen.“

Zum Editorial von Sigrid de Vries

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