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RDKS: Mit Pflicht zur Nfz-Reifendruckkontrolle kommen auch Hürden auf die Branche zu

Ab 1. Juli 2024 müssen in der EU neu zugelassene Nutzfahrzeuge, Busse und Anhänger mit einem Reifendruckkontrollsystem (RDKS) ausgestattet sein. Welche Folgen diese Bestimmung konkret für Transportunternehmer und die Reifenservicebranche hat, erklärt die Prüforganisation Dekra.

Zum 1. Juli 2024 werden in der EU auch für neu zugelassene Nfz Reifendruckkontrollsysteme (RDKS) zur Pflicht. | Bild: Dekra.
Zum 1. Juli 2024 werden in der EU auch für neu zugelassene Nfz Reifendruckkontrollsysteme (RDKS) zur Pflicht. | Bild: Dekra.
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Claudia Leistritz

Seit 2012 sind Fahrzeughersteller in der Europäischen Union mit der Regelung UN ECE R64 verpflichtet, neu typgenehmigte Pkw mit der Pannenschutzvorrichtung RDKS (Reifendruck-Kontrollsystem) auszurüsten, neu zugelassene Pkw seit 2014. Im Bereich Nutzfahrzeuge mit einem Gesamtgewicht von über 3,5 Tonnen ist die auch unter der Bezeichnung TPMS (Tire Pressure Monitoring System) bekannte Funktionalität gemäß Regelung UN ECE R141 seit 2022 für neue Typgenehmigungen vorgeschrieben.

Nächster Schritt ist nun zum 1. Juli 2024 die Ausweitung der Pflichtausstattung auf in der EU neu zugelassene Fahrzeuge dieser Kategorie, die Lkw, Busse, Wohnmobile und schwere Anhänger umfasst. Die automatische Luftdrucküberwachung per an oder im Rad angebrachten Sensoren dient in erster Linie zur Verhinderung von Unfällen, die beispielsweise in Folge eines „schleichenden Plattfußes“ (ADAC) zustande kommen. Ein durchgängig optimaler Luftdruck hat aber auch einen kraftstoffsparenden Effekt und kann den Reifenverschleiß begrenzen.

Verkehrssicherheitsexperten wie die Prüforganisation Dekra finden lobende Worte für die Regelung. Der aus der schnellen Erkennung von Reifenschäden resultierende Sicherheitsgewinn, heißt es in der Pressemeldung, sei für Transportunternehmen von großer Bedeutung. Denn mit dem Ausfall eines Nfz-Reifens sind auch hohe Risiken verbunden. Allerdings sind für eine durchgängig praktikable Anwendung noch nicht alle Hürden überwunden.

Mehraufwand lohnt

Die Übernahme des Kontrollsystems konfrontiere Spediteure wie die Reifenservicebranche tatsächlich mit einigen Herausforderungen, heißt es. Doch der „Zugewinn an Sicherheit“ lohne den Aufwand allemal, sagt Christian Koch, Unfallanalytiker und Reifenexperte bei der Stuttgarter Sachverständigenorganisation Dekra.

Die Ausstattungspflicht mit RDKS gilt für neu zugelassene Nutzfahrzeuge der Klassen N1 bis N3, also die ganze Bandbreite an Nfz und Lkw für den Gütertransport mit einer zulässigen Gesamtmasse von bis über 12 Tonnen. Außerdem betrifft die Regelung mit den Klassen M1 bis M3 Fahrzeuge zur Personenbeförderung wie Busse und Wohnmobile sowie mit O3 und O4 auch Anhänger und Sattelauflieger mit einem zulässigen Gesamtgewicht von über 3,5 Tonnen. Schwierig wird die Anwendung dann zum Beispiel, wenn Fahrzeugkombinationen wechseln und die RDKS-Funktion angepasst werden muss. Koch:

„Besondere Herausforderungen entstehen für die Nutzer immer dann, wenn die Fahrzeuge und Anhänger in unterschiedlichen Kombinationen eingesetzt werden. Zum Beispiel, wenn ein Sattelauflieger auf Zug oder Fähre verladen und am Ziel von einer anderen Zugmaschine übernommen wird, muss die Ausstattung in Sachen RDKS aufeinander abgestimmt sein.“

Wesentlich komplizierter als bei Pkw

Aber nicht nur die Spediteure stehen vor Herausforderungen, auch die Reifenservicebranche hat mit dem Thema zu tun, wenn irgendwelche Maßnahmen an den Reifen anstehen. Denn schon jeder Reifentausch erfordert ein neues Kalibrieren und Anlernen des RD-Kontrollsystems. Dann haben sich die Monteure unter anderem mit der Frage auseinanderzusetzen, wie die Reifenüberwachung beim Wieder-Ankoppeln mit dem Zugfahrzeug kommuniziert. Auch der jeweils richtige Fülldruck muss erst ermittelt werden. Da dieser je nach Beladung und Einsatzart im Vergleich zu Pkw viel stärkeren Änderungen unterliegt und jeweils angepasst werden muss, gestaltet sich der Umgang mit Nutzfahrzeugreifen in dieser Hinsicht wesentlich komplexer.

Dazu sind aber auch noch unterschiedliche RDK-Systeme zu berücksichtigen. So haben zum Beispiel Reifenspezialisten wie Continental oder Hersteller von Nfz-Fahrwerksystemen wie BPW oder SAF-Holland auf die Gesetzesankündigung schnell reagiert und schon vor einiger Zeit verschiedene eigene RDK-Systeme herausgebracht. Um in der Auswahl die für die eigenen Anforderungen beste Lösung zu finden erfordert es laut Experten wirklich eine intensive Auseinandersetzung mit der Thematik.

Komplexität in der Nfz-Branche steigt

Die Einführung der RDKS-Pflicht für neu zugelassene Nfz werde den Arbeitsaufwand in der Transportbranche also sicher erhöhen, meint Koch. Zudem seien in dieser Sache immer noch einige Fragen ungeklärt, die die Reifenbranche umtreibe. Über diesbezügliche Einwände des Reifenfachhandels haben wir vor einem halben Jahr berichtet. Probleme zeigten sich beispielsweise in der Anpassung an die vielen unterschiedlichen Sensor-Systeme sowie im teils eingeschränkten Zugang zur OBD-Schnittstelle des Fahrzeugs, um die Geräte anlernen zu können.

Pannenursachen einschränken

Dekra-Reifenexperte Koch ist sich jedoch aus mehreren Gründen sicher, dass sich der Einsatz um die Sache lohnen werde: so zählten Reifenschäden gerade bei Nutzfahrzeugen zu den häufigsten Pannenursachen. Einen großen Teil nachteiliger Folgen könne das RDKS verhindern, indem es für den passenden Fülldruck sorgt und bei schleichendem Druckverlust warnt. Denn gerade bei Schwerlastern seien Reifenschäden besonders gefährlich: „Der Ausfall eines Reifens kann nicht nur zu einer Panne führen, sondern auch zu schweren Unfällen“, sagt Koch. Dabei stellten auch Lkw, die sich trotz beschädigtem Reifen noch steuern lassen, ein Sicherheitsrisiko vor allem für die Verkehrsumgebung dar:

„Ein Lkw-Reifen allein kann bis zu 60 Kilogramm wiegen. Wenn nach einem Reifenschaden Teile umherfliegen, sind andere Verkehrsteilnehmer in großer Gefahr“,

heißt es. Das RDK-System sorgt aber laut Aussagen der Spezialisten nicht nur für erhöhte Verkehrssicherheit, sondern punktet auch beim Faktor Nachhaltigkeit: Reifen mit konstant korrektem Fülldruck verursachten zum Beispiel weniger Abrieb, wiesen eine längere Lebensdauer auf und könnten zu niedrigeren Kraftstoffkosten beitragen. Insgesamt jedenfalls überwiegen laut Koch die Vorteile:

„Der Einsatz von Reifendruckkontrollsystemen ist ein wichtiger Baustein, der dazu beiträgt, dass Nutzfahrzeugreifen sicher und wirtschaftlich betrieben werden können. Der Mehraufwand wird hierdurch aus unserer Sicht in jedem Fall mehr als aufgewogen.“

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