KÜS plant erste Prüfstraße für automatisierte Funktionen

Als Weltneuheit kündigt die Kfz-Überwachungsorganisation den Bau der Prüfstrecke für automatisierte Fahrfunktionen KÜS DRIVE an, die Hauptuntersuchungen an damit ausgestatteten Fahrzeugen ermöglichen soll.

Auf der geplanten Prüfstraße sollen hochautomatisierte Fahrzeuge virtuell auf Praxistauglichkeit geprüft werden können. | Bild: KÜS.
Auf der geplanten Prüfstraße sollen hochautomatisierte Fahrzeuge virtuell auf Praxistauglichkeit geprüft werden können. | Bild: KÜS.
Claudia Leistritz

Die „Dynamic Roadworthiness Inspection for Vehicles“ (KÜS DRIVE) gehört zu einem Forschungsprojekt, das der saarländische Full-Service-Dienstleister für Verkehrssicherheit initiiert hat. Laut KÜS-Hauptgeschäftsführer Peter Schuler will  man in erster Linie herstellerunabhängig prüfen, welche Auswirkungen die Kombination der Fahrfunktionen moderner Fahrzeuge mit ihren Assistenzsystemen hat.

Außerdem gehe es auch darum einen Weg zu finden, die damit verbundenen neuen Prüfabläufe „praxistauglich in die klassische Hauptuntersuchung integrieren zu können“.

Virtuelle Realität

Laut Pressebericht besteht die Neuheit des Vorhabens darin auf einem Prüfstand „dynamisch“ zu untersuchen, wie ein Fahrzeug auf äußere Einflüsse reagiert; beispielsweise ein vorausfahrendes oder entgegenkommendes Fahrzeug. Dabei wird das Prüfobjekt in eine virtuelle Realität versetzt, heißt es. Auf diese Weise könne man flexibel anpassbare und dennoch wiederholbare Prüfszenarien herstellen.

Der Prüf-Ingenieur lenkt das eigenständig angetriebene Gefährt durch eine simulierte Umgebung, die die wesentlichen Sensoren des Fahrzeuges mit entsprechenden Signalen aktiviert. Die Reaktionen werden dann vom Prüfingenieur bewertet.

Adaptiv

Der Prüfstand ermögliche Geschwindigkeiten von bis zu 130 km/h und biete den Vorteil, dass das Fahrzeug lenkbar bleibe und nicht extra gesichert werden müsse. So könnten im Ablauf auch Systeme überprüft werden, die sich erst ab einer bestimmten Geschwindigkeit einschalten; zum Beispiel adaptive Lichtsysteme, die erst während der Fahrt aktiviert werden und sich dann der Geschwindigkeit anpassen, berichtet KÜS.

Schon 2016 geplant

Erste Ideen zu dem Projekt habe es bereits vor fünf Jahren gegeben, so Peter Schuler. „Zu dem Zeitpunkt war es bereits offensichtlich, dass die Automatisierung auch im automobilen Bereich voranschreitet und nicht mehr aufzuhalten sein wird.“ Seitdem habe man intensive Forschungen betrieben und könne die gewonnenen Erkenntnisse nun in der Praxis testen.

Am Bau der virtuellen Teststrecke sind den Angaben zufolge verschiedenste Unternehmen aus den Bereichen Maschinenbau, Sensorik, Radartechnik und Elektronik beteiligt.

 

Das Kraftfahrtbundesamt (KBA) hat Anfang Dezember dieses Jahres weltweit die erste Typgenehmigung für eine Fahrfunktion Level 3 erteilt, sagt Dipl. Ing. Stefan Schuler. In dieser Stufe (von insgesamt 5) können hochautomatisierte Fahrzeuge unter bestimmten Bedingungen und für bestimmte Zeit ohne menschlichen Eingriff selbständige Fahraufgaben übernehmen. Diese Fahrfunktionen seien auch bei der periodisch technischen Inspektion (PTI) zu prüfen. „Wir entwickeln den weltweit ersten Prototyp, der dies auch leisten kann.“

Prüfstraße für konventionelle und hochautomatisierte Fahrzeuge

Neben den konventionellen Prüfungen biete sich mit der KÜS DRIVE dann auch die Möglichkeit, die sicherheitsrelevanten Funktionalitäten von automatisierten Fahrzeugen zu prüfen, sagt Dr. rer. Nat. Thomas Tentrup, der bei KÜS die Stabsstelle Forschung und Entwicklung leitet. Der promovierte Physiker hat das Kernstück der Prüfstraße, das SFT (Steerable Funktion Tester) entwickelt.

Zwar werde auch an anderen Orten in der Welt an ähnlichen Prüfmöglichkeiten gearbeitet, aber nach den Informationen, die der KÜS vorlägen, hätten sie derzeit im Gesamtkonzept einen „technologischen Vorsprung“, meint Dip. Ing. Thomas Auer, Geschäftsführer der KÜS DATA. Geplant ist, die Prüfstraße noch im ersten Halbjahr 2022 mit einem Prototyp in Betrieb zu nehmen. „Bis zu einem realen Forschungseinsatz am Kfz wird es, insbesondere durch die vielen coronabedingten Engpässe, aber wohl noch bis Ende 2022 dauern“, sagt Peter Schuler.

Zukünftig mehr HU-Prüfvorgänge

Die aktuelle KBA-Zulassung für den Mercedes Drive Pilot sei erst der Auftakt zu einer „neuen Entwicklungsstufe in der Fortbewegung“, heißt es weiter. Die „flächendeckende Ausdehnung“ werde allerdings noch Jahre in Anspruch nehmen. Man rechne jedenfalls damit, dass im Rahmen der HU der Prüfumfang für Fahrzeuge mit hohem Automatisierungsgrad erweitert werde, aber „die Notwendigkeit, alle anderen konventionellen Fahrzeuge nach herkömmlichen Methoden zu prüfen, hat selbstverständlich weiterhin uneingeschränkt Bestand“, ergänzt Stefan Schuler.

Dass die Automatisierung die mobile Welt stark verändern werde, könne man aber bereits jetzt deutlich sehen. KÜS setze sich dafür ein, diese modernen, hochautomatisierten Fahrzeuge für alle Automatisierungsstufen prüfbar zu machen.

 

 

Printer Friendly, PDF & Email