Fast die Hälfte fällt durch: ADAC testet Lkw-Abbiegeassistenten

Die Systeme sollen Unfälle mit Radfahrern verhindern und werden auch als Nachrüstkit vom Staat gefördert. Der ADAC hat neun der geförderten Nachrüstsysteme einer strengen Prüfung unterzogen und Mängel festgestellt.

Lkw-Abbiegeassistenten sollen vor Unfällen mit Radfahrern schützen. | Bild: ADAC/André Kirsch.
Lkw-Abbiegeassistenten sollen vor Unfällen mit Radfahrern schützen. | Bild: ADAC/André Kirsch.
Claudia Leistritz

Laut ADAC kommen in Deutschland jährlich bei Kollisionen mit Lkw etwa 70 Radfahrer ums Leben, 665 ziehen sich schwere Verletzungen zu; ein Drittel dieser Unfälle geht auf das Konto von Abbiege-Unfällen im toten Winkel. Abbiegeassistenten sollen die Gefahr mindern und den Fahrer warnen, falls sich ein Radfahrer im uneinsehbaren Bereich befindet.

Mit der „General Safety Regulation“ wird europaweit für ab 2022 neu auf den Markt kommende Lkw mit über 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht sowie generell alle ab 2024 neu zugelassenen Lkw (ab 3,5 Tonnen) die Ausrüstung mit solchen Systemen verpflichtend.

Da somit ältere Fahrzeuge aus dieser Regelung ausgenommen sind, fördert das Bundesministerium für Verkehr (BMVI) mit der „Aktion Abbiegeassistent“ die Nachrüstung von Bestandsfahrzeugen mit mehr als 3,5 Tonnen zulässigem Gesamtgewicht und übernimmt maximal 80 Prozent der Kosten beziehungsweise bis zu 1.500 Euro für den Einbau.

Einige Geräte unzureichend

Neun aktuelle Abbiegeassistenten verschiedener Hersteller, die über die allgemeine Betriebserlaubnis und alle technischen Fördervoraussetzungen verfügen, hat der Münchner Verkehrsclub nun einem Test unterzogen.

Im Vergleich mit einer bereits im Jahr 2019 durchgeführten Überprüfung der ersten Systeme seien die neuen Lösungen zwar technisch besser ausgestattet, jedoch nicht einmal die Hälfte der Anwendungen funktioniere so gut und zuverlässig, dass ein echter Nutzen festzustellen sei, so der ADAC in seinem Ergebnis; und ganze vier der neun Systeme schnitten sogar mit mangelhaft ab.

BMVI stellt weniger Anforderungen als ADAC

Als Grund für die negativen Ergebnisse nennt der Sicherheitsexperte die relaitv geringen Anforderungen, die der Bund an die Funktionalität der Systeme stelle. Der Automobilclub wollte die Anwendungen jedoch sowohl auf dem Testgelände wie auch im realen Verkehr möglichst umfassend in den verschiedensten alltäglichen Verkehrsszenarios untersuchen.

Die Zielgruppe waren zudem nicht nur in erster Linie Radfahrer, sondern auch Jogger, Inlineskater oder Rollstuhlfahrer. Überprüft wurde dann die Reaktion beispielsweise in Bezug auf den Abdeckungsbereich und die Funktion bei Dunkelheit sowie unter eingeschränkten Bedingungen, wenn sich beispielsweise geparkte Autos oder Büsche zwischen Lkw und Person befinden.

Auch Fehlwarnungen wurden genau vermerkt, so der ADAC, denn je häufiger die Systeme ohne Grund warnten und beispielsweise jede Straßenmarkierung meldeten, umso weniger würden die Fahrer das System akzeptieren oder darauf vertrauen – und dann wirkliche Gefahrenmeldungen unterschätzen.

Fehlendes Unterscheidungsvermögen

Viele Fehlwarnungen gab es demnach bei Systemen, die nicht zwischen Objekten (Bäume, Verkehrsschilder) und Verkehrsteilnehmern unterscheiden können. Außerdem habe keine der Anwendungen zuverlässig einen Radfahrer erkennen können, wenn sich Hindernisse zwischen diesem und dem Lkw befanden. Auch bemängelt der Verkehrsclub die bei den Nachrüstsystemen fehlende automatische Notbremsfunktion, die sich bei unvermeidbarer Kollision selbständig einschaltet und eine Bremsung einleitet.

Testsieger ohne Fehlmeldungen

Als Sieger der Tests ging das allerdings auch teuerste System von Eyyes hervor, das keine Fehlmeldungen brachte und Radfahrer noch in einem Abstand von sechs Metern zum Lkw registrierte. Überwiegend positiv bewertet und als leicht verständlich eingestuft werden auch die optischen Signale des Systems.

Die nächstbesten Systeme konnten statische Ojekte und Verkehrsteilnehmer ebenfalls unterscheiden und gaben keine Fehlwarnungen, erkannten bei fast allen Geschwindigkeiten und Testvarianten die Verkehrsteilnehmer rechtzeitig und gaben entsprechend optische und akustische Signale an den Fahrer. Die unterschiedliche Bewertung ergibt sich hier beispielsweise aus nicht immer zuverlässigen Einschätzungen der Lage oder auch dem hohen Aufwand beim Einbau oder zur Anwendungsschulung für das System.

Mangelhaft bei vielen Fehlwarnungen

Die hohe Anzahl an Fehlwarnungen, so das Ergebnis des ADAC, brachte vier der geprüften Systeme die Note mangelhaft. Auch warnten hier die Abbiegeassitenten durch den kleinen Sichtbereich die Fahrer entweder gar nicht oder zu spät und wurden Radfahrer nur erkannt, wenn sie den Lkw überholten, aber nicht umgekehrt oder wenn die Geschwindigkeit gleich war. Negativ bewertet der Verkehrsexperte auch zum Beispiel beim System von Continental, dass es sich nur bei eingeschaltetem Blinker aktiviert.

Fazit

Die Aktion Abbiegeassistent des BMVI sei zu begrüßen, schließt der ADAC, als Voraussetzung müsse die Technik aber auch zuverlässig funktionieren. Daher sollten sich Fuhrparkleiter vor ihrer Entscheidung an den ADAC-Testergebnissen orientieren.

Die Preisspanne der Systeme bewegt sich laut Bericht zwischen etwa 966 und 3.690 Euro, ohne Materialkosten für den Einbau oder Montagekosten durch eine Fachwerkstatt, die für den Einbau etwa fünf bis sieben Stunden benötigt.

Zu den Ergebnissen mit allen Details und Empfehlungen des ADAC

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