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Feuerwehr München: Die umfangreiche Technik im Fuhrpark erfordert eine besondere Arbeitsweise

PROFI Werkstatt war exklusiv zu Besuch in der Werkstatt der Feuerwehr München und staunte nicht schlecht: über die umfangreiche Technik, die beherrscht werden muss, über die Arbeitsweise der Mechatroniker und über die vielen Abkürzungen.

Hell, luftig, großräumig gibt sich die zentrale Werkstatthalle, die allerdings faktisch eine Kopfhalle ist. | Bild: T. Pietsch
Hell, luftig, großräumig gibt sich die zentrale Werkstatthalle, die allerdings faktisch eine Kopfhalle ist. | Bild: T. Pietsch
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Thomas Pietsch

Na klar, es ist im Grunde eine Nutzfahrzeugwerkstatt. Aber andererseits auch wieder nicht. Die Rede ist hier von der Werkstatt der Münchner Feuerwehr. Sie ist Teil der Feuerwache 9 im Stadtteil Neuperlach. Untergebracht in einem Bau der 1970er-Jahre. Das Besondere an ihr ist, dass sie im Gegensatz zu den kommerziellen Nutzfahrzeugwerkstätten eine andere Grundidee verinnerlicht: die Bereitstellung und langfristige Erhaltung eines Fuhrparks, der im extremsten Fall dafür eingesetzt wird, Leben zu retten.

Der Fuhrpark, von dem wir hier sprechen, umfasst rund 400 höchst unterschiedliche Fahrzeuge. Er setzt sich aufseiten der Fahrzeuge zusammen aus den Marken BMW, Volkswagen, Opel, MAN und Mercedes-Benz. Hinzu kommen noch zwei Exoten: ein Iveco mit speziellem Drehleiter-Aufbau sowie eine Hubrettungsbühne mit 53 Meter Arbeitshöhe auf Scania. So weit klingt das noch vertraut. Schaut man aber auf die Liste der Sonderfahrzeuge, wird einem schwindelig. Zu den Standards gehören dabei noch die Fahrzeuge des sogenannten Münchner Löschzuges. Der besteht aus einem Einsatzleitwagen (ELW), zwei Hilfeleistungslöschfahrzeuge (HLF), einer Drehleiter mit Korb (DLK) sowie einem Rettungswagen (RTW). So ein Zug ist in der Regel auf jeder Feuerwache zu finden. An einigen Feuerwachen ist jedoch nur ein Halbzug bestehend aus ELW, DLK, HLF und RTW stationiert.

Schauen wir uns doch einmal exemplarisch das Herzstück eines Löschzuges an: das sogenannte HLF. Aufgebaut auf dem Fahrgestell eines „Mercedes- Benz Atego“ mit 286 PS und übersetzt von einem 5-Gang-Allison-Automatikgetriebe, enthält der Lkw zu 60 Prozent Ausrüstung für die technische Hilfeleistung und zu 40 Prozent für Brandeinsätze. Der Aufbau selbst stammt von Magirus-Brandschutztechnik. Auf einem Fahrzeug finden sich zum Beispiel eine sogenannte Schnellangriffseinrichtung zur Brandbekämpfung, ebenso wie eine Schaummittelzumischanlage, Schaumlöscher, CO2-Löscher, Fettbrandlöscher, Pulverlöscher, ein Sprungpolster sowie zwei Hitzeschutzanzüge. Hinzu kommen die Geräte für Hilfeleistungseinsätze: Hier darf ein hydraulischer Rettungssatz mit Spreizer, Schneidgerät und Rettungszylinder nicht fehlen. Genauso sind Hebekissen, Motor- und Elektrokettensäge, Trennschleifer, E-Sauger und ein Absturz-Sicherungsgerät mit an Bord. Komplettiert wird die Ausstattung durch eine Basisausrüstung für die medizinische Notfallversorgung.

Lange Liste mit Spezialfahrzeugen


Und das war nur die Ausstattung für ein einziges Fahrzeug und die war noch nicht einmal erschöpfend aufgezählt. Darüber hinaus sind im Fuhrpark die Notarztwagen (NAW) und Notarzteinsatzfahrzeuge (NEF) für die elf Rettungswachen in der Stadt, die mit einem Notarzt besetzt sind. Der Neugeborenen-Notarztdienstwagen sowie der Kindernotarzt befindet sich auf der Feuerwache 1. Um einen kleinen Eindruck zu bekommen, folgt hier eine Liste von Spezialfahrzeugen, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebt: Tanklöschfahrzeug, Sonderlöschmittelfahrzeug, Kranwagen, Gerätewagen-Kran, Hubrettungsbühne, Schaufelknicklader, Kleinalarmfahrzeug, Großlüfter, Wassernotfahrzeug, Großraum-Rettungstransportwagen (sieht aus wie ein Stadtbus), Sattelzugmaschine mit mobiler Brandsimulationsanlage und mobiler Atemschutzübungsstrecke. Hinzu kommen zahlreiche Abrollcontainer. Diese ganze Spezialtechnik wird von der Werkstattmannschaft am Standort Feuerwache 9 im Stadtteil München-Neuperlach in Schuss gehalten. Wie ist das möglich? Die Antwort gibt Josef Kirmayr, Werkstattleiter der Münchner Feuerwehrwerkstatt: „Um diese Technik zu beherrschen, bedarf es in erster Linie vieler Eigenstudien unserer Mitarbeiter. Ich sage es mal so: Sie müssen vielfach eigenständig den Fehler suchen, denn bei uns ist jeder Tag anders. Einfach nur Teile tauschen, gibt es bei uns nicht.“

Neben der umfangreichen Feuerlösch- und Rettungstechnik auf den Fahrzeugen ist das mit Sicherheit der größte Unterschied zu einer „normalen“ Nutzfahrzeugwerkstatt: Die Arbeitsweise der Mechaniker ist vollkommen anders. „Wir haben nicht den Arbeitsdruck und müssen keine Arbeitswerte einhalten wie in anderen Werkstätten. Fahrzeuge, die zu uns kommen, sind meist Sonderbauten, somit sind viele Arbeiten mit Einzelanfertigung verbunden. Es ist genügend Zeit für die Reparaturen vorhanden. Dabei hat die Wissensaneignung für unsere Mitarbeiter eine hohe Priorität, sonst könnten wir diese Vielfalt auf Dauer nicht bewältigen“, erklärt Kirmayr. 30 Mann stark ist die Werkstatttruppe in der Feuerwache 9, inklusive Chefs und Logistik. Auszubildende sind nicht darunter, denn die Werkstatt ist kein Ausbildungsbetrieb. Vier Meister, fünf Vorarbeiter und sieben Mechatroniker arbeiten in der Werkstatt, vier Mitarbeiter sind im Lager beschäftigt und zwei Gerätetechniker kümmern sich um die vielen Kleingeräte wie Rettungsscheren und Spreizer, Schlauchkörbe oder Lampen. Es bleibt trotz Eigenstudium aber nicht aus, dass die Mitarbeiter auch extern geschult werden müssen. Im Durchschnitt werden fünf Mitarbeiter drei Tage im Jahr auf Schulungen entsendet. Insbesondere nach Ablauf der Gewährleistung werden die Mechaniker auf Weiterbildungen bei den Fahrzeugherstellern geschickt.
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Umbauten, Aufrüstungen, Verwaltung

Kirmayrs Vorgesetzter ist Matthias Simon. Er ist Sachgebietsleiter Fahrzeuge und Geräte und gleichzeitig Feuerwehrmann. Seine Amtsbezeichnung lautet Brandamtsrat. Wenn er erzählt, was die Werkstatt, die seiner Abteilung angehört, noch so alles macht und in welche Strukturen sie eingebunden ist, fühlt man sich als Außenstehender schnell wie im Labyrinth. „Wir reparieren nicht nur die Fahrzeuge, sondern führen auch Umbauten durch und rüsten die Fahrzeuge für Großeinsätze auf. Außerdem kümmern wir uns um die Fuhrparkverwaltung und die Logistik der Leitern, Schläuche und Rettungsgeräte.“ Zu den Kunden gehören insgesamt zehn Feuerwehrwachen der Berufsfeuerwehr der Stadt München sowie 21 Abteilungen der Freiwilligen Feuerwehr München. Außerdem wird Material für den Katastrophenschutz vorgehalten – im Auftrag von Bund und Land.

Da die Werkstatt zur öffentlichen Hand gehört, muss sie natürlich ihre Existenz rechtfertigen und darlegen, warum sie die Arbeiten kostengünstiger erledigt, als wenn man sie in die freie Wirtschaft verlagern würde. Das fällt Simon nicht schwer: „Zunächst einmal brauchen wir die Werkstatt, um autark handeln zu können. Würden wir alles fremdvergeben, müssten wir den Fuhrpark aufstocken, weil wir immer eine Reserve vorhalten müssen, falls ein Fahrzeug kurzfristig ausfällt. Externe Werkstätten wären außerdem in der Regel mit den technisch komplexeren Ausfällen schlicht überfordert.“ Hinzu kommt, dass die Fuhrparkverantwortlichen den Zustand und die Entwicklung ihres Fuhrparks im Auge behalten wollen. Doch es gibt auch Arbeiten, die die Münchner Feuerwehrwerkstatt an Spezialisten vergibt. Zum Beispiel Unfallinstandsetzungen oder große Lackierarbeiten. Auch müssen manchmal langwierige Arbeiten mit Rücksicht auf die Notwendigkeiten im Fahrzeugbestand extern vergeben werden. Betritt man die große Werkstatthalle in Neuperlach, fällt einem neben der schieren Größe sofort die angenehme Helligkeit auf. Das liegt am sogenannten Sheddach (oder Sägezahndach). Die vielen Fensterreihen in dieser Dachform sorgen für eine lichtdurchflutete Halle. Auch die cleveren schwarzen Treppenabgänge, die zwischen den Arbeitsplätzen angeordnet sind, zeugen von durchdachter Werkstattplanung. Sie führen direkt in das unter der Halle befindliche Lager, das sich über 3.000 Quadratmeter erstreckt. An der einen Hallenseite, die auch zum Bürotrakt sowie zu weiteren Spezialwerkstätten führt, gibt es eine Durchreiche für die Materialausgabe.

Zur Grundausstattung der Werkstatthalle gehören fünf Arbeitsgruben sowie eine Prüfgrube mit Bremsenprüfstand sowie fünf ebene Arbeitsplätze. An Hebeanlagen stehen zwei Zwei-Säulen- Hebebühnen mit vier Tonnen Traglast, eine mit sechs Tonnen sowie zwei Radgreiferhebebühnen mit bis zu 20 Tonnen Traglast bereit. Die Liste der Diagnosegeräte ist eher übersichtlich: Neben einem Abgastester kommen von Bosch der „KTS Truck 800“ sowie der „KTS 540“ zum Einsatz. Der Laptop stammt von Magirus. Darüber hinaus gibt es ein Tool für das Batteriemanagement der Starterbatterien. „Damit lernen wir die Batterien an, damit sie auch funktionieren, wenn das Fahrzeug mal etwas länger stehen sollte“, erklärt Kirmayr. Über unzureichende Ausstattung kann man in der Münchner Werkstatt nicht klagen. Unter der Hallendecke ziehen zwei Kräne ihre Bahnen, es gibt eine Teilewaschanlage sowie eine Scheuersaugmaschine. Ganz zu schweigen von dem großzügigen Trakt der Spezialwerkstätten. Hier gibt es eine Elektrowerkstatt, ein Batterielager, eine Sattlerei, eine Dreherei, eine Schlosserei sowie einen Raum für Gerätetechnik, der früher einmal die Schreinerei war. Die ist heute zentral in der Feuerwache 7 untergebracht und erledigt dort auch Aufträge für andere städtische Einrichtungen. Auch die Spezialwerkstätten sind ausgesprochen angenehme Arbeitsplätze: hohe, helle und weitläufige Räume, die sogar einen Blick ins Grüne haben. Die Gerätetechnik übernimmt auch die jährlichen Überprüfungen der Geräte. Das sind zum Beispiel Stromerzeuger, Tauchpumpen, mechanische Werkzeuge oder hydraulische Hebezeuge. Man kann also beruhigt feststellen: Die Feuerwehr ist auf alles vorbereitet und kann entsprechend flexibel auf die unterschiedlichen Probleme reagieren, getreu dem Motto: „Wenn man nicht mehr weiterweiß, ruft man die Feuerwehr.“ So verhält es sich auch intern. In einem separaten Gebäude untergebracht ist dann noch ein weiteres beeindruckendes Bauwerk, das beim Reingehen durch das Rolltor den Eindruck eines Opernhauses vermittelt: Es ist der Leiterturm. An drei Wänden rundherum ziehen sich gelbe Balkone, wie in einem Opernhaus. Hier werden die Leitern geprüft und aufbewahrt.
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Meterweise Aktenordner

Ganz gewöhnlich sind die Öffnungszeiten der Werkstatt. Von 6:00 bis 18:00 Uhr arbeitet man hier, die technische Annahme ist von 6:30 bis 16:00 Uhr besetzt. Sie übernimmt die Terminabstimmung mit den Feuerwehr- und Rettungswachen und leistet technischen Support. Die Serviceaufträge werden vom Kunden vorbereitet und bei der Reparaturannahme gegebenenfalls ergänzt. Noch nicht ganz im 21. Jahrhundert angekommen ist die Fuhrparkverwaltung. Meterweise Aktenordner dokumentieren das Fahrzeugleben heute noch, doch man ist bereits dabei, die Fahrzeughistorie auf EDV umzustellen. Im Moment läuft die elektronische Datenerfassung zwar schon, aber parallel vertraut man weiterhin auf die guten alten Ausdrucke. So ein Fahrzeug muss bei der Feuerwehr übrigens recht lange durchhalten. Ältestes Mitglied im Fuhrpark ist ein „MAN F8“. Der Schlauchwagen, der 2.000 Meter lange Schlauchleitungen legen kann, ist 28 Jahre alt, hat aber erst 80.000 Kilometer auf der Uhr. Doch der Schlauchwagen ist eine Ausnahme. „Im Durchschnitt sind unsere Fahrzeuge zwischen acht und zwölf Jahre alt. Pkw werden nach 16 Jahren erneuert, Großfahrzeuge nach spätestens 20 Jahren“, erläutert Simon. „Ich möchte aber auch die Großfahrzeuge lieber früher ersetzen, nach 15 bis 18 Jahren, denn je älter die Fahrzeuge werden, desto schwerer ist die Ersatzteilbeschaffung. Das ist dann nicht mehr wirtschaftlich“, ergänzt er.

Ersatzteile an den Fahrzeugen bezieht die Münchner Feuerwehrwerkstatt über die Hersteller MAN und Mercedes-Benz sowie über die Teilehändler Winkler, Trost sowie Wessels und Müller. Ersatzteile für die Aufbauten kommen von den Herstellern oder werden selbst produziert, denn es komme immer mal wieder vor, dass die Aufbauhersteller eine Lieferzeit von sechs bis zehn Wochen aufrufen. In Ausnahmefällen werden deshalb auch Ersatzteile für die Aufbauten extern angefertigt. In den kommenden Jahren steht der 30 Mann starken Truppe noch eine Mammutaufgabe bevor: Eine Sanierung ist geplant. „Es sind ein Umbau und Sanierung des Werkstatt- und Bürotrakts vorgesehen. Jedoch sind die 40 bis 50 Millionen Euro dafür noch nicht genehmigt“, lässt Simon wissen. Teil des Neubaus soll eine neue Schlauchwerkstatt mit Schlauchturm werden. Dort sollen dann die 4.000 bis 5.000 Schläuche der Feuerwehr in München gewaschen und vor allem getrocknet werden. „Über 15.000 Waschungen gibt es pro Jahr“, sagt Simon. Auch eine Halle für den Fahrzeugtausch soll entstehen. Und schließlich soll ein kleines Manko der Werkstatthalle behoben werden. Sie wird von einer heute faktischen Kopf- auf eine Durchfahrtshalle umgerüstet werden. Wann die Feuerwache 9 und ihre zentrale Werkstatt auf den Kopf gestellt werden und die Bauarbeiten beginnen, steht jedoch noch nicht fest.

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Artikel Feuerwehr München: Die umfangreiche Technik im Fuhrpark erfordert eine besondere Arbeitsweise
Seite | Rubrik Werkstattporträt
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