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Die Schlepper vom Vorfeld

Seit 1991 dreht die Flughafen Stuttgart GmbH an der Verbrauchsschraube und ist auf gutem Weg ins Elektro-Zeitalter – nicht ohne Konsequenzen für die Werkstatt.

Die Flughafen Stuttgart GmbH (FSG) besitzt rund 1.500 Fahrzeuge. Beispiele für auf dem Vorfeld eines Flughafens eingesetzte Gefährte sind Shuttlebusse, Zugmaschinen, Förderbandwagen und so genannte Pushbacks. Bild: M. Schachtner
Die Flughafen Stuttgart GmbH (FSG) besitzt rund 1.500 Fahrzeuge. Beispiele für auf dem Vorfeld eines Flughafens eingesetzte Gefährte sind Shuttlebusse, Zugmaschinen, Förderbandwagen und so genannte Pushbacks. Bild: M. Schachtner
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Martin Schachtner
Flughafen-Stuttgart

Beim Winterdienst können die Hierarchien eines Flughafens ins Wanken geraten. Starker Schneefall gefährdet schließlich Sicherheit und Pünktlichkeit – da ist Zusammenhalt gefragt. Was für die einen Ausnahmezustand ist, bewerten andere augenzwinkernd als „Gemeinschaftsprojekt“: Peter Giersdorf leitet die Technik der Flughafen Stuttgart GmbH (FSG), der Betreibergesellschaft des eigenen Angaben zufolge achtgrößten deutschen Airports, und sitzt im Bedarfsfall höchstselbst auf einem der Fahrersitze des firmeneigenen Wintergeräte-Fuhrparks. Beim Bereitschaftsdienst müssten alle ihren Beitrag leisten, auch außerhalb der Technik-Abteilung und sogar unabhängig vom Dienstgrad. „Das stärkste Winterdienstgerät in unserem Fuhrpark hat eine Länge von acht Metern, eine Höhe von vier Metern und eine Breite von drei Metern. Der MTU-Motor der Polar 21 leistet 800 PS. Die Fräsmaschine ist von 1971 und das Sahnestückchen im Winterräumdienst des Flughafens. Von dem Fahrzeug wollen wir uns nicht trennen“, erklärte der gelernte Kfz-Mechatroniker und Machinenbau-Techniker und fügte hinzu: „Die gute robuste alte Technik kann mit den modernen Fahrzeugen immer noch mithalten. Beim Winterdienst haben wir einen verhältnismäßig alten Fuhrpark, weil wir erstens gut reparieren. Zweitens kommen die Geräte auf nicht besonders viele Betriebsstunden“. Weitere Oldtimer neben dem Polar 21 gibt es im Fuhrpark nur wenige. Was auch damit zu tun hat, dass die Betreibergesellschaft ehrgeizige Emissionsziele verfolgt. So trennte man sich laut Peter Giersdorf auch von einem TroLF 3000, einem spektakulären Trockenlöschfahrzeug der Flughafen-Feuerwehr, wie sich der Techniker erinnert.

Der Landesflughafen verzeichnete gemäß Geschäftsbericht 2018 fast 140.000 Starts und Landungen und erreichte über 11,8 Millionen Passagiere. Die FSG unterteilt sich grob in die Geschäftszweige „Aviation“ und „Non-Aviation“. Ersteres steht für „luftseitig“ und umfasst alles rund um die Passagier-Abfertigung. Landseitig („Non-Aviation“) meint alles andere, was für das Funktionieren eines Flughafens nötig ist. Darunter fällt auch der Großteil des Fuhrparks – vom Rasenmäher über leuchtende Follow-me-Pkw und Feuerwehr-Panther der Firma Rosenbauer bis zur Flugzeugwaschanlage Skywash von Putzmeister. Und natürlich besagte Schneefräsmaschinen.

Schwergewichte im Service

Die FSG besitzt über 1.300 Fahrzeuge. Sogenannte Luftfahrt-Bodengeräte leisten wichtige Dienste: Beispiele für die auf dem Flughafenvorfeld eingesetzten Gefährte sind Fluggasttreppen, Förderbandwagen und Flugzeugschlepper, wie der Pushback 6 von Goldhofer. Dieser hat einen Deutz-V8-Dieselmotor mit 300 PS. Was wenig klingt, ermöglicht durch intelligente Getriebe-Untersetzung das Abschleppen eines Airbus A380. Bei Reparaturen fahren die sechs Pushbacks auf die Gruben – jede Hebebühne würde bei Gewichten zwischen 30 und 60 Tonnen in die Knie gehen. Auch Radgreifer sind nicht die erste Wahl von Werkstattleiter Peter Giersdorf und seinem 27-köpfigen Team – aus Sicherheitsgründen, wie er verrät. Die Service-Crew der FSG hat eine hohe Instandsetzungstiefe: Lediglich Lackierarbeiten, Getriebeüberholungen und Motorinstandsetzungen gebe man nach draußen. Bei der Diagnose setzt die Werkstatt auf den Mehrmarkentester KTS Truck von Bosch und Geräte von Snap On Equipment. Viele Sonderfahrzeuge haben ein Aggregat von Perkins beziehungsweise Deutz, was die Diagnose erschwert. Schauplatz der rund 7.000 Service-Durchläufe pro Jahr ist ein großes Werkstattgebäude aus den 1940er-Jahren nahe der Pforte Ost. Die jüngste Sanierung fand in den 1970ern statt. Eine Erweiterung ist geplant.

In Richtung Klimaneutralität

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In der Durchfahrhalle findet sich eine 40-Meter-Lkw-Grube, auf der beim Redaktionsbesuch mobile Ladebänder und Fluggasttreppen Platz genommen haben. Daneben liegen drei parallele Gruben mit einer Länge von sechs Metern, auf denen Arbeiten an kleineren Fracht- und Gepäckschleppern stattfinden. Einen davon ziert eine auffällige grüne Folierung mit dem Schriftzug „100% Elektro 0% Emission“. Bis 2050 will die Betreibergesellschaft den Airport mit Ausnahme der Flugzeuge klimaneutral betreiben und orientiert sich hierbei an der Nachhaltigkeitsstrategie „fairport STR“. Mit dem aktuellen Projekt „scale up!“ liegen die Schwaben auf einem guten Weg, wie das Öko-Institut bescheinigte: Das Institut begleitet das im September 2016 gestartete Projekt, das eine Neuanschaffung von 40 Elektrofahrzeugen zum Ziel hat. Einem Zwischenfazit zufolge konnten durch die schrittweise Umstellung bereits 22 Prozent des Energiebedarfs eingespart werden. Die E-Flotte umfasst 16 eCobus3000-Busse, sieben Förderbandwagen von Mulag, den Frachtschlepper EFZ NT50, 21 Gepäckschlepper Volk NT30 Long Range, einen Gepäckschlepper EFZ 30NT ULR Li-Ion sowie den Highloader Champ70SE.

Hohes Kompetenzniveau

Die Elektrifizierung hat natürlich Auswirkungen auf das Serviceteam. Es bedarf neuer Werkstattausrüstung und eines Wissenstransfers. In punkto Elektromobilität sei der Flughafen-Fuhrpark führend in Deutschland, ist sich Peter Giersdorf sicher. „Wir versuchen, so viele Fahrzeuge wie möglich zu elektrifizieren, wir investieren in die zugehörige Ladeinfrastruktur und qualifizieren die Mitarbeiter weiter: In der Werkstatt erreichen aktuell alle Mitarbeiter die Qualifizierungsstufe 2.“ Ziel sei allerdings die höchste Stufe 3. Hintergrund ist, dass Luftfahrt-Bodengeräte nicht nach dem eigensicheren Standard, wie er sich bei Elektrofahrzeugen mit Straßenzulassung etabliert hat, gebaut seien. Die Höherqualifizierung läuft derzeit an.

Der Flughafenbetreiber ist in der Kfz-Technik auch ein Ausbildungsbetrieb. Allerdings verantworten dies nicht Peter Giersdorf und sein Team. Die Ausbildung erfolgt über die „Azubifirma“ „Stop-Over“, keine 20 Meter entfernt von der eigenen Werkstatt. Als Grund für die Auslagerung nennt Peter Giersdorf unter anderem zeitliche Faktoren, außerdem sei der FSG-Fuhrpark zu speziell für die allgemeine Kfz-Mechatroniker-Ausbildung. „Stop-Over bietet eine sehr breite Ausbildung: Die zu reparierenden Fahrzeuge reichen vom Motorrad über den Pkw und das Nutzfahrzeug bis zum Traktor und Bagger. Diese Bandbreite im Pkw-Bereich könnten wir gar nicht abbilden. Da steht mal ein Dacia, mal ein Porsche und mal ein BMW auf der Hebebühne“, erklärt er. Sind Fahrzeugprüfungen, wie man sie normalerweise kennt, auch auf einem geschlossenen Areal wie einem Flughafen erforderlich? Giersdorf lächelt und verweist auf die Regularien: Man halte sich an die Flughafenbenutzungsordnung FBO, die auf der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung (StVZO) und der Straßenverkehrsordnung (StVO) fußt: „Alles was auf der Straße an Regularien gang und gäbe ist, findet auch bei uns Anwendung“, so Giersdorf. Das gelte auch für Fahrzeuge, bei denen das nicht notwendig sei. „Hier halten wir uns an die einschlägigen Normen der Luftfahrt-Bodengeräte, die sogenannten CEN-Normen. Alles, was bei uns auf den Hof kommt, muss eine Konformitätserklärung vorweisen und der Maschinenrichtlinie entsprechen.“ Der permanente Umgang mit Flugzeugen und damit Menschenleben mache strenge Sicherheitsvorkehrungen erforderlich, betonte er. Martin Schachtner

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Artikel Die Schlepper vom Vorfeld
Seite 10 bis 13 | Rubrik WERKSTATT-PORTRÄT
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