Digital in die Zukunft

Der Nutzfahrzeug-Ersatzteilhandel ist von der Digitalisierung stark betroffen. Welche Chancen ergeben sich für Werkstätten?

Ersatzteilhändler binden Werkstätten hauptsächlich über Online-Portale an sich. Bild: Diesel Technic
Ersatzteilhändler binden Werkstätten hauptsächlich über Online-Portale an sich. Bild: Diesel Technic
Tobias Schweikl

Der Nutzfahrzeug-Ersatzteilhandel ist auf dem Weg, sich zu digitalisieren. Die klassischen Kataloge prägen zwar immer noch das Bild der Branche, dennoch haben sich zahlreiche Marktteilnehmer schon länger mit dem Potenzial digitaler Lösungen beschäftigt. Zunächst wanderten die Kataloge (auch) ins Internet, doch damit ist in Sachen Digitalisierung nicht Schluss.

Der Truck-, Trailer und Bus-Ersatzteilhändler EUROPART etwa ist seit 2018 digital. „Für uns steht immer der Kunde im Mittelpunkt. Und der Kunde wird stetig digitaler“, erläutert Olaf Giesen, CEO bei EUROPART, die Beweggründe für den Wandel. „Wenn ich heute nah beim Kunden sein will, dann kann es nicht nur die Printbeilage und der Besuch des Außendienstlers sein, dann muss ich als Unternehmen verfügbar, informativ und nutzerfreundlich sein.“ Neben den klassischen Elementen, wie Homepage und Newsletter, markiert vor allem das EWOS (EUROPART Werkstatt Online Systems) die Zeitenwende. Seit Ende 2018 werden Kunden damit auch digital aktiv bei der täglichen Arbeit unterstützt. Ein Jahr später folgte die EUROPART App. EWOS ist mobil geworden, es kann individualisiert werden und es unterstützt den Anwender bei der Organisation seiner Werkstatt oder seines Betriebes. Darüber hinaus bietet es Features im Bereich technischer Daten. „Wenn ich gerade in der Werkstatt oder außer Haus im Kundengespräch bin, dann ist es ideal, wenn ich ein Tablet in die Hand nehmen kann und direkt vor Ort recherchieren oder bestellen kann“, beschreibt Giesen den Anwenderfall. „Da möchte man heute nicht mehr sagen: Ich melde mich dann später, wenn ich wieder im Büro bin.“

Auch bei klassischen verkaufsfördernden Angeboten geht EUROPART bereits seit geraumer Zeit den Weg der Digitalisierung. Die Printbeilage „Favoriten“ wurde durch die „HERO Deals“ abgelöst. Der Hero präsentiert wöchentlich sechs Angebote, das steigerte den Rhythmus gegenüber der Printlösung um das Dreifache. Dauerhafte Publikationen, wie etwa Kataloge, waren davon nicht betroffen. Diese würden in der Regel über Jahre in den Werkstätten und Betrieben genutzt und mit Notizen versehen. Ergänzend würden sie aber auf der Homepage angeboten. Sie bieten dort eine direkte Bestellverknüpfung.

Direkte Unterstützung

Die Ersatzteilspezialisten von Diesel Technic machen ähnliche Erfahrungen, die angebotenen digitalen Möglichkeiten würden von den Kunden verstärkt genutzt. „Schon seit vielen Jahren stellen wir unser Produktsortiment mittels unserem Partner Portal zur Einsicht zur Verfügung. Dort kann direkt mittels vielfältiger Optionen zur Produktsuche und Entschlüsselung nach den benötigten Artikeln gesucht werden“, heißt es. Rund um die Uhr stünden das Partner Portal mit den über 41.000 Ersatzteilen zur Verfügung. Die Daten seien tagesaktuell.

Rein digital geht es aber auch bei Diesel Technic nicht. Sollte technische Unterstützung benötigt werden, kann das Parts-Specialists-Team über den HelpDesk kontaktiert werden. So könnten sich Profis untereinander online direkt austauschen. Der Vorteil der digitalen Prozesse liegt für Diesel Technic auf der Hand: Werkstätten können viel Zeit bei der Produktsuche und der Bestellung einsparen und erhalten die benötigten Teile schneller. Außerdem seien die angezeigten Daten tagesaktuell. Hierzu zählen nicht nur die Produktdetails, sondern auch die Verfügbarkeit der Artikel. Insgesamt bietet das Partner Portal von Diesel Technic mehrere Vorteile. Zum einen genießen die Nutzer der Plattform einen effizienten 24/7-Zugang zum kompletten Produkt- und Informationsangebot. Zum anderen können sie zwischen vielfältigen Optionen zur Produktsuche und Entschlüsselung wählen. Um die Bestellung falscher Artikel möglichst zu vermeiden, erhalten Nutzer Unterstützung bei der eindeutigen Teileidentifikation. Ebenso werden passende Zubehörprodukte vorgestellt. Über das Suchfeld haben Nutzer die Möglichkeit, diverse Suchbegriffe oder eine Teilenummer einzugeben, einschließlich Original-Ersatzteil-Nummer. Das Suchergebnis lässt sich filtern – beispielsweise nach Division, Anwendung, Marke oder Produktgruppe. Unter den Produktdetails finden sich Referenznummer und technische Daten. Ob das benötigte Ersatzteil vorhanden ist, lässt sich über eine Abfrage der Artikelverfügbarkeit ab Regionallager in Erfahrung bringen. Ferner gibt es bei Diesel Technic die Möglichkeit zum Produktvergleich und PDF-Download, um die Produktinformationen auf einen Blick zu erhalten.

Digital ist schneller

Auch beim Vollsortimentsanbieter Winkler stehen der Online-Shop und die App im Mittelpunkt der digitalen Aktivitäten. Der Onlineshop bietet den Kunden Zugriff auf das ganze Angebot des Nutzfahrzeugspezialisten und wird vor allem auch als ein praktisches Hilfsmittel zur schnellen und sicheren Identifikation des richtigen Ersatzteils gesehen. Mit Einkaufslisten kann der User häufig benötigte Artikel in Listen speichern und diese beispielsweise einem Fahrzeug zuordnen. Die Artikelvergleichsfunktion ermöglicht einen übersichtlichen Abgleich von Merkmalen unterschiedlicher Artikel. Dazu liefern Produktseiten weiterführende Informationen zu den einzelnen Artikeln wie zum Beispiel Abmessungen, technische Zeichnungen, Verbauinformationen, Alternativen oder Zubehörteile und Gegenseiten.

„Ein großer Vorteil unseres Onlineshops ist die 24/7 Erreichbarkeit für Einfachbestellungen, heißt solche ohne Beratungsbedarf. Außerdem die transparente Datenbereitstellung, etwa in Form von Produktdatenblättern zum Download“, heißt es bei Winkler. Der Onlinezugriff auf technische Daten zu Reparaturen und Einbauanleitungen werde optional zur Verfügung gestellt, um reparaturfähig zu bleiben. Um technisch anspruchsvolle Artikel anhand ihrer Artikelmerkmale eindeutig zu unterscheiden, sei es im Onlineshop möglich, diese mithilfe der Vergleichslistenfunktion gegenüberzustellen.

Der Onlineshop könne auch individuell an die Bedingungen vor Ort angepasst werden. Kunden mit Konzernstruktur können etwa den Materialbedarf mehrerer Filialen über ihren Zentraleinkäufer verwalten. Darüber kann der Onlineshop über Schnittstellen ans eigene Werkstattsystem angebunden werden. Man arbeite dann nur noch in einem gemeinsamen System. Die Vernetzung zwischen Kundensystem und Winkler bewirke, dass der Kunde ständig auf aktuelle Daten Zugriff habe. Er kann diese in sein System übertragen, um Zeit zu sparen und Fehler zu vermeiden.

Bei der Kunden-App „winkler NOW“ sei der direkte (Online-)Kontakt zum persönlichen Fachberater in der Winkler-Niederlassung oder zu diversen Experten im Unternehmen ein großes Plus. Die App bietet außerdem eine Scan-Funktion und eine Übersicht der Winkler-Kundenschulungen. Insgesamt ist laut Winkler die allgemeine Zeitersparnis für Werkstätten der wichtigste Benefit von digitalen Prozessen. Auch beim Thema Diagnose profitiert der Kunde von Digitalisierung: Über ein bei Winkler erworbenes Diagnosegerät kann direkter Online-Support bei Diagnoseexperten erhalten werden. Das gewährleiste die Fachberatung auch nach dem Kauf.

Für Werkstattbetreiber, die sich künftig stärker digitalisieren möchten, hat Winkler einen Tipp parat: Gute Systeme erforderten gute Prozesse. Man dürfe also nicht darauf hoffen, dass durch mehr Digitalisierung automatisch auf Anhieb alles gut werde. Es müsse wohl überlegt sein, welche Prozesse wie abgebildet werden sollen und welchen Vorteil man sich dadurch erhoffe. Darüber hinaus sei es auch sinnvoll, nicht alles auf einmal zu wollen. Neue IT-Systeme erfordern laut den Winkler-Experten eine gute Vorbereitung und Mitarbeit. Für die Werkstatt bedeute dies: die Digitalisierung im Unternehmen lieber Schritt für Schritt aufbauen und dabei nicht zu kompliziert denken.

Verbundene Lösungen

Bei WM Fahrzeugteile ist seit dem 1. Januar 2021 in dem Online Katalog „WM Kat+“ das „My Truck“-Programm integriert. Hier können über die Fahrgestellnummer die eindeutigen Ersatzteile heraus gesucht werden. Es werden Explosionszeichnungen der Fahrzeugkomponenten abgebildet und die Ersatzteile können mit Bildziffern identifiziert werden. Man kann auch zwischen einem standardisierten Suchbaum und dem original OE-Suchbaum der Fahrzeughersteller switchen.

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Zusätzlich sind bei WM neben den „Big Seven“ der Nutzfahrzeug-Hersteller auch die OE-Programme der Trailerhersteller BPW und SAF integriert. Hier können die Ersatzteile über die Achsnummer identifiziert werden. Dies sei für den Kunden eine enorme Zeitersparnis, heißt es bei WM. Es sei kein lästiges anmelden in verschieden OE-Ersatzteilkatalogen mehr nötig, eine Anmeldung genüge für alles. Der Kunde kann sich auch seinen Fuhrpark über die Fahrzeugverwaltung anlegen und muss so nicht immer die Fahrgestellnummer erneut eingeben. Im „WM Kat+“ gibt es außerdem die Möglichkeit sich die technischen Daten anzeigen zu lassen, hier können Drehmomente, Inspektionsdaten, technische Zeichnungen und Arbeitswerte den Arbeitsalltag erleichtern.

Der Online-Katalog von WM ist per Schnittstelle mit den gängigen DMS- (ERP-)Systemen wie beispielsweise Repdoc, KFZ Win und Werbas koppelbar. Außerdem lässt er sich per OCI-Schnittstelle an weitere Systeme anbinden, darunter SAP, Onventis und Arriba. Durch die Schnittstellen und die Warenkorbübernahmefunktion erspart sich der Kunde mehrere Prozesse. Telefonate, Bestellungen per E-Mail und Fax fallen weg und laufen vollautomatisch per Schnittstelle. Auch im Bereich elektronische Rechnung und elektronische Rechnungsübermittlung verschlanken sich hier die Prozesskosten. Laut Aussage von WM seien Kunden auch immer mehr an Komplettlösungen interessiert.

OEMs mischen mit

Doch nicht nur Ersatzteilhändler, auch OEMs haben die Vorteile der Digitalisierung erkannt. Beim Achsen- und Telematikspezialisten BPW etwa strebt man ausdrücklich die digitale Vernetzung mit Playern der Transport- und Logistikbranche an. Mit dem Trailer-Telematik-Anbieter idem telematics und dem Webshop-Spezialisten und Ersatzteildaten-Aggregator PE Data hat die BPW Gruppe bereits digitale Plattformen und Geschäftsmodelle etabliert. In Zukunft will das Unternehmen noch agiler bei der Entwicklung und Umsetzung neuer digitaler Ideen vorgehen. Trailerfahrwerke etwa, die als „digitale Zwillinge“ am Rechner entstehen, könnten laut BPW von der Produktion und Montage bis hin zu Wartung und Ersatzteilservice praktisch lebenslang mit digital vernetzten Dienstleistungen begleitet werden. Das Stichwort „born digital“ gelte aber auch für Big Data- und Webshop-Konzepte. Nutzfahrzeug-Werkstätten könnten Ersatzteile per Smartphone-Scan identifizieren und mit einem Klick bestellen.

Noch weiter geht die BPW Aftermarket Group, die Werkstätten ein komplett digitalisiertes Ersatzteillager in Form eines Überseecontainers auf den Hof stellt: Die Mitarbeiter brauchen benötigte Teile nur zu entnehmen – sie werden vollautomatisch erfasst, abgerechnet und nachgeordert.

Tobias Schweikl

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Seite 16 bis 19 | Rubrik TEILEHANDEL