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Fachartikel Profi-Werkstatt – Februar 2018 / Ausgabe 2

Die Erben Büssings

Die KVG Braunschweig wurde von Heinrich Büssing gegründet. Der Tradition verpflichtet und der Zukunft zugewandt, fahren im Jubiläumsjahr ein „Retrobus“ sowie drei Elektrobusse des nahen Anbieters Sileo im Linienbetrieb. Auch die 40 Kfz-Techniker wappnen sich für das nahende Elektrozeitalter.

Im Jahr 1904 etablierte der Erfinder und Unternehmer Heinrich Büssing die Personenbeförderung mit Kraftomnibussen in seiner niedersächsischen Heimat. An diese Begebenheit sowie die treibende Persönlichkeit erinnert die Kraftverkehrsgesellschaft Braunschweig GmbH (KVG) das gesamte Jahr 2018 über. Anlass ist der Geburtstag des KVG-Gründers und Bus-Fabrikanten Heinrich Büssing (1843-1929), der am 29. Juni 1843 in Nordsteimke – heute ein Teil von Wolfsburg – geboren wurde. Der Geburtstag jährt sich heuer zum 175. Mal. Um den Linienverkehr zu organisieren, gründete Büssing im Dezember 1909 die Büssing-Kraftwagen-Betriebsgesellschaft mbH, aus der die KVG hervorging, teilte die Gesellschaft mit.

Im Liniennetz der KVG, das von Salzgitter aus Helmstedt, Wolfenbüttel und den westlichen Harz miteinander verbindet, dürfte das Jubiläum von Bewohnern und insbesondere den Fahrgästen nicht unbemerkt bleiben: Das Verkehrsunternehmen würdigt das Wirken ihres Unternehmensgründers mit einem umgestalteten Linienbus. Unter Anleitung von Werkstattleiter Lothar Borkowski hat Kfz-Techniker Christian Gerber einen neuen Bus in einen historisch anmutenden Büssing verwandelt. Unter dem Gewand des „Retrobusses“ versteckt sich ein MAN A21 Lion’s City. Das Technik-Team am Betriebshof Salzgitter habe sich bei der Gestaltung an einem Büssing Senator orientiert, hieß es gegenüber „PROFI Werkstatt“. Nicht nur die für die Marke Büssing typische, für die KVG dagegen ungewöhnliche Elfenbeinfarbe, auch die Büssing-Spinne an der Frontseite dürfte die Blicke auf sich ziehen. Zudem ist das Fahrzeug mit Zeichnungen und Informationen zu Heinrich Büssing verziert. Laut KVG wird der „Büssing-Bus“ dieses Jahr im gesamten Verkehrsgebiet der KVG Fahrgäste befördern. Bisher war er lediglich auf den Linien in Salzgitter und Wolfenbüttel im Einsatz. Zudem soll der Omnibus auf externen Veranstaltungen präsentiert werden, die sich dem Geburtstag von Heinrich Büssing widmen. So wird er beispielsweise Anfang Juni bei einem Oldtimertreffen in Salzgitter mit historischen Büssing-Fahrzeugen teilnehmen und anlässlich einer Büssing-Ausstellung am Städtischen Museum Schloss Salder zu sehen sein.

Das Fahrgastaufkommen betrug im vergangenen Jahr 12,6 Millionen. Die Mitarbeiterzahl beträgt 396. Sowohl die Fahrgäste als auch die Beschäftigten erleben die KVG seit Anfang 2017 nicht nur traditionsbewusst, sondern auch zukunftsorientiert: Von 185 Stadt- und Gelenkbussen im Linienverkehr entstammen drei dem nahegelegenen Werk des Herstellers Sileo. Die Sileo GmbH sitzt in Salzgitter-Watenstedt und entwickelt elektrische Antriebe für den ÖPNV. Eigenen Angaben zufolge verfügt das Unternehmen über 30 Jahre Erfahrung in der Produktion von Schienenfahrzeugen sowie Bussen mit Elektromotoren. Die Produktpalette reicht vom vollelektrischen Midi-Bus Sileo S10 bis zum akkubetriebenen Doppelgelenkbus Sileo S24. Der Hersteller gehört zur türkischen Bozankaya-Unternehmensgruppe.

Die KVG testet seit Februar 2017 in einem Pilotprojekt zwei Sileo S12 und einen Sileo S 10 im Linienbetrieb. Der S10 hat den Angaben zufolge eine garantierte Batteriereichweite von 200 Kilometern, der größere Bruder kommt rund 230 Kilometer weit. Das Projekt trägt den Namen „Leo“ – die Abkürzung steht für Linienbetrieb mit elektrischen Omnibussen. Mit an Bord der Sileo-Busse ist der Internetzugang über WLAN sowie die Möglichkeit, das eigene Mobiltelefon via USB-Schnittstelle zu laden. Fahrgäste können sich im „Leo“-WLAN anmelden, indem sie sich per Smartphone verbinden und in einem Browserfenster den Nutzungsbedingungen zustimmen. Pro Tag stehen jedem Kunden anschließend 100 Megabyte Datenvolumen kostenlos zur Verfügung, hieß es. Die E-Bus-Fahrgäste können darüber hinaus auf einem TFT-Monitor mitverfolgen, wie die Technik funktioniert. Dabei lernen interessierte Passagiere beispielsweise etwas über die Rekuperation des Fahrzeugs, das heißt die intelligente Energierückgewinnung vor und beim Bremsvorgang. Dadurch wird erstens der Akku geladen und zweitens die Bremsanlage weniger beansprucht – beides wirkt sich senkend auf die Betriebskosten aus.
 

Warten auf den „kleinen Leo“

Die Fahrgäste und die Bevölkerung begleiten das Thema Elektromobilität freundlich bis wohlwollend, es herrsche jedoch keine Elektro-Euphorie, ließen Alex Gierga, Geschäftsführer der KVG, Frank Hartmann, technischer Leiter bei der KVG, und Reinhard Wolf, Betriebsleiter in Salzgitter und Wolfenbüttel, gegenüber „PROFI Werkstatt“wissen. Die drei Sileo-Busse fallen aber auf – nicht zuletzt dadurch, dass man sie weniger bemerkt, weil sie im leisen Surr-Modus unterwegs sind. Die Fahrgäste schätzen es, wie leise die Fahrzeuge unterwegs sind. Fahrzeuge verteilte die Kraftverkehrsgesellschaft Braunschweig auf drei Betriebshöfe. Das mutet zwar seltsam an, stellte sich aber als richtige Entscheidung heraus, hieß es von Seiten der Verantwortlichen. „Zum einen waren die Rahmenbedingungen auf jedem Betriebshof anders, was zum Beispiel die Stromversorgung anging. Zum zweiten konnten die Beschäftigten die neue Technik kennenlernen, schließlich sind alle Mitarbeiter auf den betroffenen Höfen mit den Fahrzeugen in Kontakt gekommen“, erklärte KVG-Geschäftsführer Axel Gierga. Die KVG Braunschweig musste zeitweise auf den kleinsten der drei Test-Busse verzichten: „Der S10 war wegen geringfügiger Garantiearbeiten in der falschen Nacht in der Sileo-Halle abgestellt“, so der KVG-Chef. Nach lediglich zweiwöchigem Einsatz im Stadtverkehr Helmstedt wurde der liebevoll „kleiner Leo“ genannte Elektrobus im August des vergangenen Jahres bei einem Brand in der Produktionshalle des in Salzgitter ansässigen Busherstellers Sileo zerstört. Große Teile der Produktion sowie der Verwaltung in Salzgitter wurden zerstört. Das Ersatzfahrzeug für den Sileo S10 soll Mitte April ausgeliefert werden. Anschließend soll der Stadtbus unmittelbar im Stadtverkehr Helmstedt eingesetzt werden, hieß es zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses.

Auch andere Verkehrsgesellschaften mussten zeitweise auf mindestens einen Elektrobus verzichten: Zusätzlich zur Produktionshalle konnten auch vier Kundenbusse und drei Versuchsfahrzeuge nicht vor dem Feuer gerettet werden, so lautete die Schadenmeldung von Sileo.
E-Busse aus Salzgitter sind den Angaben zufolge auch unter anderem in Aachen, Bad Langensalza, Bonn, Bremen und auf Sylt im Einsatz. Zudem war letzten Sommer ein Vertrag mit der Verkehrsbetriebe Hamburg Holstein GmbH (VHH) geschlossen worden. In der damaligen Mitteilung bezifferte das Unternehmen das Bestellvolumen beziehungsweise die geplante Auslieferungsmenge bis Mitte 2018 auf über 100 Fahrzeuge.

Ob aus dem Projekt eine Zukunftsstrategie wird, wird der KVG-Aufsichtsrat in Kürze entscheiden. Das Fazit der Betreiber ist jedenfalls positiv: „Auf Basis der Erfahrungen mit den Elektrobussen kann die KVG ein positives Fazit ziehen. So ist eine sehr positive Wahrnehmung bei Einwohnern und Fahrgästen festzustellen. Die Betriebsstabilität und Zuverlässigkeit sind gut. Der Energieverbrauch liegt im Bereich der Herstellerangaben und auch das Reichweiteversprechen des Herstellers von über 200 Kilometern wurde eingehalten“, verlautbarte die Gesellschaft.
 

MAN-Stützpunkt

Der Schwerpunkt in Sachen Antriebstechnologien liegt bei der KVG Braunschweig freilich im Dieselbereich. Ein weiterer Fokus sind Niederflurbusse. Das Durchschnittalter des Fuhrparks beläuft sich auf 7,8 Jahre. Die Markenvorherrschaft liegt deutlich bei MAN, was zu den Wurzeln passt: Den Bau von Nutzfahrzeugen hat Heinrich Büssing in der Büssing AG organisiert, die 1971 von MAN übernommen wurde. Rund zwei Drittel der aktuellen Flotte tragen das Löwen-Logo. Auf dem Betriebshof in Salzgitter an der Feuerwache findet sich eine MAN-Vertragswerkstatt, die auch externen Kunden offensteht. „Unsere Werkstatt verfügt über sieben Spuren, davon sind drei durchgängig und vier sind Sackspuren“, erklärteder technische Bereichsleiter der KVGFrank Hartmann. Hinzu kommen Stellflächen, an denen mit Radgreifern gearbeitet wird.

Neben MAN kümmern sich die 40 Kfz-Techniker auf den insgesamt fünf Betriebshöfen, die über eine Werkstatt verfügen, um eine Gruppe von Evobus-Fahrzeugen, die insbesondere in Helmstedt stationiert sind, Scania-Fahrzeuge in Wolfenbüttel beziehungsweise Helmstedt und VDL-Fahrzeuge, die in Salzgitter beziehungsweise Bad Harzburg betreut werden. Neben dem eigenen Fuhrpark betreut die KVG über die MAN-Werkstatt in Salzgitter hinaus auch auf dem Betriebshof in Helmstedt externe Kunden. Dort fand sich den Angaben zufolge früher eine Scania-Vertragswerkstatt. Aktuell bietet der Betriebshof als freie Nfz-Werkstatt ihre Dienste an. Wichtige Kunden sind unter anderem die Fahrzeuge der Salzgitter AG, der Feuerwehr sowie ansässigen Speditionen und Busunternehmern.

Ein Elektrobus ist in der Anschaffung etwa doppelt so teuer wie ein Dieselbus, heißt es bei der KVG. Das Land Niedersachsen fördere die Anschaffung mit rund 40 Prozent. Auf den Betriebshöfen muss freilich darüber hinaus investiert werden: Neben der Errichtung von Hocharbeitsplätzen für die Arbeit an den Balkonkästen, in denen sich die Batterien befinden, müssen in Werkzeug, Weiterbildung sowie den Anschluss an das Mittelspannungsnetz beziehungsweise das Implementieren der nötigen Ladeinfrastruktur Zeit und Mittel aufgewendet werden. Die Ladesituation ist in Salzgitter und Wolfenbüttel noch unbefriedigend, wie der Betriebsbesuch zeigte. Dies dürfte sich vorbehaltlich der Entscheidung des Aufsichtsrates, wenn also die Elektromobil-Flotte ausgebaut wird, im Laufe des Jahres noch ändern, hieß es aus Salzgitter. In Wolfenbüttel soll noch in diesem Jahr eine leistungsfähige Trafostation errichtet werden. In Salzgitter wird diese in ein paar Wochen in Betrieb gehen. Nur durch die Sicherstellung einer zuverlässigen Stromversorgung ist der weitere Ausbau der Elektromobilität bei der KVG überhaupt möglich.

Die Wartung und Reparatur der Akkus in den Balkonkästen auf dem Dach des Omnibusses übernimmt noch die Sileo GmbH. Mittelfristig wollen die in Hochvolttechnik ausgebildeten Mitarbeiter der KVG die Arbeiten jedoch selbst übernehmen. In der Zwischenzeit setzt die KVG zur Sichtprüfung der Akkus auf mobile Dacharbeitsplätze. Vorteilhaft an der Sileo-Technologie – das Unternehmen stellt Eigenangaben zufolge die Energiespeicher selbst her: Die Batterien besitzen ein offenes Konzept, das heißt einzelne Zellen werden überwacht und können bei Verlust der Leistungsfähigkeit einzeln getauscht werden.
 

Busfahrer sind vom Fach

Zum Trendthema Ferndiagnose oder gar Preventive Maintenance, also vorausschauende Wartung befragt, winken die Gesprächspartner ab: Die Technologie sei für den Betrieb der Stadtbus-Flotte nicht unbedingt nötig, urteilte Hartmann. „Die Busse werden engmaschig kontrolliert, denken Sie an die gesetzlichen Untersuchungen, zum Beispiel im Rahmen der Sicherheitsprüfung.“ Zudem gebe es den Faktor „menschliche Sensorik“, das heißt viele Busfahrer verstehen was von Bussen. Einige sind Kfz-Mechaniker – von den Kfz-Technikern wird erwartet, in Stoßzeiten im Fahrdienst auszuhelfen. Auch das überschaubare Einsatzgebiet spricht gegen den Nutzen einer telematischen Überwachung: „Unsere Busse sind nie weiter als 50 Kilometer von einem Betriebshof entfernt. Als Reisebusanbieter würde ich das anders bewerten, dann wäre eine Ferndiagnose sinnvoll“, so Gierga.

Anders stellt sich die Situation beim Elektrobus dar. Dort ist die Analyse fahrzeugbezogener Daten oder der Fernzugriff auf den Batteriestatus – nicht zuletzt wegen des erhöhten Elektronikanteils – zielführender, weiß Hartmann, der den Sileo-Test als Projektleiter verantwortet. Auch wenn die Wartungsintensität im Elektrozeitalter deutlich nachlassen wird: Nach zwei Jahren Testbetrieb stellt der technische Bereichsleiter bei Elektrobussen eine geringere Anzahl an Standtagen fest: „Unsere Leos kommen auf deutlich unter zehn Standtage pro Jahr.“ Partner-Stützpunkte Karosserie- und Lack-Arbeiten konzentriert das Unternehmen am Standort Salzgitter. Den Überblick behalten die Techniker an den verschiedenen Einsatzorten mithilfe des bei MAN gebräuchlichen Werkstatt-Gesamt-Organisations-Systems „Wegos“. Dieses ermöglicht Lagerhaltung, Werkstatt-Planung etc. Die meist genutzte Diagnose-Software stammt von MAN und wird durch verschiedene Zusatzmodule ergänzt, zum Beispiele von Wabco. Zudem ist die KVG Braunschweig Stützpunkt der Marken Spheros im Bereich Klimatechnik sowie Davo in puncto Löschanlagen.

Ein Bereich, der in Buswerkstätten viel Aufmerksamkeit erfordert, sind die Türsysteme. Die Lage habe sich aber verbessert: Laut Frank Hartmann geht der Trend weg von pneumatischen hin zu elektrischen Fahrzeugtürsystemen. Seit einigen Jahren vertrauen die Lieferanten und damit die KVG auf diese fortschrittlichere und wartungsärmere Technik. „Der Verzicht auf Druckluft-Steuerung hat die Zuverlässigkeit der Türsysteme deutlich verbessert“, weiß Reinhard Wolf, der die Betriebshöfe in Salzgitter und Wolfenbüttel leitet. Zuvor habe es den Angaben zufolge häufig Probleme mit einzelnen Teilen, etwa Druckluft-Zylindern sowie der Steuerung gegeben, hieß es.

Der Betriebshof in Salzgitter ist als MAN-Partner-Betrieb Teil von „Mobile 24“. Aus diesem Grund gehört ein Werkstatt-Wagen mobile Einheit vom Typ MAN TGE zum Fuhrpark. Auch an anderen Standorten gibt es mobile Einheiten, auf den Betriebshöfen kommen Traktoren zum Einsatz. Über Wartungsverträge ist die Abarbeitung von Garantie-Arbeiten für die Marken MAN, Scania, VDL und Sileo möglich. Die Reifenstrategie der KVG verringert den Druck in den Werkstätten. Da die Busse zumeist mit Ganzjahres-Reifen ausgestattet sind, entfallen die Wechselspitzen auf den Betriebshöfen. Lediglich die Linien, die im Harz verkehren, müssen über Winterbereifung verfügen. Schließlich ist der erste Bus, der von Braunlage nach Bad Harzburg fährt, stets eines der ersten Fahrzeuge auf der Straße. Von dieser „Vorarbeit“ profitiert auch der Räumdienst.
Martin Schachtner


 
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