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Fachartikel Profi-Werkstatt – Februar 2018 / Ausgabe 1

Werkstattporträt

Von der Eisenschmiede 
zur Ideenschmiede

Die Unternehmensgruppe Paul optimiert laufend Prozesse durch eigene EDV-Lösungen. Neueste Entwicklung des Daimler-Partners ist der Digital Vehicle Scan, ein Programm zur unkomplizierten Schadendokumentation.

Aus einer Schmiede entstand vor über 200 Jahren die Unternehmensgruppe Paul, in der sich Tradition mit modernster Technik verbindet. Zum Firmenverbund gehören derzeit insgesamt 417 Mitarbeiter an drei Standorten. Da ist einmal die Paul Nutzfahrzeuge GmbH, die mit über 150 Beschäftigten pro Jahr rund 1.000 Chassis-Umbauten, Achsmodifikationen, Rahmenverlängerungen sowie Spezialkonfigurationen im Nutzfahrzeugbereich stemmt. Ein umgebautes Trägerfahrzeug mit sieben Achsen und einer überdimensionierten Betonpumpe ging zum Beispiel nach Italien. Die Pumpe verfügt über den längsten Verteilermast Europas, so die Unternehmensbroschüre. Das Chassis schaffte es ins Guinness-Buch der Rekorde.

Ein wenig bescheidener geht es bei der Josef Paul GmbH & Co. KG zu, obgleich es sich bei dem Betrieb um einen der größten Nutzfahrzeug-Servicebetriebe in Niederbayern handelt. Seit ein paar Jahren bietet der Daimler-Partner am 2006 erbauten Standort im Gewerbegebiet Passau-Sperrwies auch Pkw-Services an. Im Brummi-Bereich versteht man sich als Mehrmarken-Partner für Lkw, Transporter und Busse. Die Passauer sind autorisierter Partner der Marken Mercedes-Benz und Setra. Am Standort in Vilshofen gibt es zudem einen MAN-Servicevertrag. Ein weiterer Fokus ist die Kranreparatur in Kooperation mit dem Hersteller Palfinger. Die Firma Josef Paul beschäftigt im Vertrieb von Pkw, Transportern und Lkw/ Bussen, in der Verwaltung und in den Bereichen IT sowie Kfz-Services 255 Mitarbeiter. Das Nfz-Serviceteam um Werkstattleiter Christian Möbius am Standort Passau umfasst 18 Meister, 64 Monteure und 32 Auszubildende. Die Kfz-Technik verzeichnet im Monat rund 1.100 Werkstattdurchläufe. Im wesentlich kleineren Pkw-Segment warten und reparieren die Niederbayern rund 350 Fahrzeuge im Monat.
 

Digitale Kompetenzen
Ungewöhnlich für einen Kfz-Betrieb: Die Josef Paul GmbH leistet sich eine unternehmenseigene, achtköpfige IT-Abteilung, die Insisto GmbH. Geleitet wird die Spezialeinheit von Alexander Luksch. Bei seinem Start im Hause Paul vor über 14 Jahren war er noch hauptsächlich mit Aufbau und Administration des Computer-Netzwerks bei Paul Passau betraut. Das Aufgabenspektrum hat sich mittlerweile erheblich vergrößert. „Unser IT-Team widmet sich inzwischen auch der Programmierung neuer Projekte und Lösungen, die es auf dem Markt so nicht gibt“, erklärt er. Aktuell arbeiten er und seine Mitarbeiter an einer Smartphone- beziehungsweise Tablet-Applikation. In der App sollen verschiedene Daten gebündelt werden: Die Wünsche und Erwartungen des Kunden, Informationen der Hersteller zu Serviceaktionen und Fahrzeugzustand (zum Beispiel „Uptime“ bei Mercedes-Benz oder „ServiceCare“ bei MAN) – kombiniert und angereichert mit eigenen Daten. Aber auch die Aufgaben für die Servicemitarbeiter in Passau und Vilshofen können so besser koordiniert und verteilt werden. „Die neue App wird, mitsamt der notwendigen Schnittstellen, noch im Laufe des Jahres programmiert und einsetzbar sein“, verspricht Bernhard Wasner, Geschäftsführer bei der Josef Paul GmbH.

So soll die Arbeit im Kfz-Service stetig optimiert werden. Die vorhandene Fläche gliedert sich in eine Werkstatthalle für Transporter und Pkw. Der Servicevertrag im Bereich Pkw besteht erst seit ein paar Jahren. Aus diesem Grund ist das Equipment recht neu, die Halle verfügt über rund 20 Arbeitsplätze. Im Nutzfahrzeugbereich finden sich in Passau-Sperrwies drei Lkw-Hallen und eine Bus-Halle. Hinzu kommen eine Halle für die Instandsetzung von verunfallten Lkw inklusive eines Blackhawk-Richtsystems. Für Lackierarbeiten gibt es zwei Anlagen in verschiedenen Größen. Das Teilelager umfasst 5.500 Quadratmeter und enthält den Angaben zufolge 28.000 Positionen. Man geht auch hier mit der Zeit und ist nicht nur daran interessiert, die Teile in der eigenen Werkstatt zu verbauen, sondern freut sich auch über Erlöse im Teilehandel.

Eine neue Lösung hat in jüngster Zeit besondere Aufmerksamkeit erregt. Mit dem sogenannten „Digital Vehicle Scan“ (DVS) ist der hauseigenen IT-Abteilung ein großer Wurf gelungen, der im gesamten Daimler-Netz und sogar darüber hinaus Anerkennung gebracht hat. DVS hat den Projektstatus zuletzt verlassen und schickt sich an, ein eigenes Geschäftsfeld zu werden. Dem DVS liegt eine kamerabasierte Lösung zur Schadendokumentation zugrunde. Die Einfahrt erfolgt, nachdem die erste Kamera das Kfz-Kennzeichen des zu dokumentierenden Fahrzeugs erkannt hat. Der Digital Vehicle Scan nutzt mehr als 20 weitere Kameras, um Fahrzeuge rundum zu fotografieren. An der Ausfahrt des Dokumentations-Portals wartet zudem ein Profiltiefen und Reifenscangerät von Ventech. Der Durchfahr- und Auswertungsprozess geschieht umgehend. Die Daten gelangen per im Boden verlegter Glasfaserleitung ins eigene Rechnersystem. Der Pkw- und Lkw-Servicebetrieb arbeitet im aktuellen Stadium mit der Daimler AG zusammen – nachdem Entwicklung, Produktion und Nutzung im eigenen Haus selbstständig gestemmt wurden. Das Daimler-Innovationszentrum „Lab1886“ nimmt sich gegenwärtig der Dokumentationslösung an. Die Pilotphase umfasst, so erfährt man aus dem Daimler-Netz, derzeit drei verschiedene Anwenderszenarien. Für die Zukunft ist geplant, eine selbst lernende Software zu schreiben bzw. zu nutzen, die eine selbsttätige Schadenerkennung und einen automatischen Bildabgleich erlaubt.
 

Neue Geschäftsmodelle
Man kann mit dem Portal zur Schadendokumentation sogar die „Customer Experience“ steigern. Bernhard Wasner gibt ein Beispiel: Der Serviceberater fährt auf dem Beifahrersitz mit dem Kunden durch das Digital Vehicle Scan und erklärt währenddessen das System – so bekommen Kunden einen Einblick ins Qualitätsverständnis des Betriebs. Zudem werden die Nutzer angelernt, die Hemmschwelle sinkt. Auch eine Erweiterung des Geschäftsfelds sei möglich: „Das DVS steht auch externen Nutzern offen. Fuhrparkmanager und Speditionen können dadurch den Flottenzustand besser überblicken.“ Es kommen die gleichen Vorteile zum Tragen, wie im Serviceprozess einer Werkstatt: „Eine 360-Grad-Sicht auf das Fahrzeug in unter einer Minute. Auch Unterboden, Kühlkoffer oder Rollplane werden begutachtet.“ Der DVS-Betreiber kann Flatrate-Tarife aufrufen, ein marktgerechter Abo-Preis sind laut Wasner rund fünf Euro pro Monat und Fahrzeug. Für die Werkstatt und das Mietgeschäft der Passauer gilt: „Die Fahrzeuge durchfahren unser DVS beim Gefahrenübergang, also beim Fahrzeugeingang beziehungsweise vor der Rückgabe an den Kunden“, so IT-Leiter Alexander Luksch. Die Nutzung des DVS sei fest in die Serviceprozesse bei der Josef Paul GmbH integriert.

Es gibt derzeit in Zusammenarbeit mit der Daimler-Organisation drei Pilotprojekte im deutschen Mercedes-Benz-Netz. Eine digitale Schadendokumentation findet sich auf dem Areal der Niederlassung in Augsburg. In Bochum experimentiert die Fahrzeugwerke Lueg AG in direkter Nachbarschaft zum Amazon Logistics Verteilzentrum mit dem Fahrzeugscanner. Zur Unterstützung von ansässigen Logistikdienstleistern, die im Auftrag von Amazon fahren, würden fortwährend Transporter kontrolliert, hieß es. Die Paketboten fahren vor Beginn und nach dem Ende ihrer Touren durch die Kontrolle. Positive Nebeneffekte des Engagements: In einer Pressemitteilung zur Investition in Bochum wies die Daimler AG darauf hin, dass die Kooperation Folgeaufträge bringen kann. So stünden Werkstatt und K&L-Spezialisten der Lueg AG im Bedarfsfall für Wartungs-, Reparatur- und Lackarbeiten an den Transporterflotten zur Verfügung. Auch der Hersteller selbst nutzt die automatische Dokumentation: Beim Mercedes- Benz-Werk in Sindelfingen steht ein DVS-Portal vor der Werksausfahrt. Bereits zu Beginn von Fahrzeuglebenszyklus und Logistikkette werden demnach erste Einträge in der Fahrzeughistorie vorgenommen. Das Produkt kostet in der Vollausstattung, wie sie sich auf dem Hof von Paul präsentiert, rund 250.000 Euro. Das System sei aber modular aufgebaut, hieß es. Die Bauzeit beträgt nach Bauplangenehmigung rund sechs Wochen. Wer auf das Reifencheck-System von Ventech verzichten will, für den verringert sich die Investitionssumme.
 

Rüstzeug für eine elektromobile Zukunft
Fortschrittsfeindlichkeit kann man der Josef Paul GmbH nicht vorwerfen. Im Gegenteil: Die Devise der Niederbayern heißt „Paul Digital“. Eine weitsichtige Einstellung: Der Kfz-Betrieb lässt sich die Digitalisierung nicht aufzwängen oder sich von neuen Technologien überraschen, sondern gestaltet aktiv mit. Erstens könne man so die eigenen Prozesse optimieren, wie die künftige Smartphone-Applikation für Kunden und Mitarbeiter, SerPA aber auch das DVS zeigen. Ein weiterer Grund liegt in den Veränderungsprozessen, die neuen Technologien in Bezug auf die Werkstatt der Zukunft innewohnt. „Nehmen wir das Beispiel Elektromobilität“, setzt Wasner an, „bis zu 50 Prozent der Reparaturarbeiten könnten durch den Stromantrieb in den nächsten zehn Jahren wegfallen.“ Das Unternehmen muss sich für die Zukunft rüsten und möchte partizipieren. Insofern ist die E-Mobility ein gutes Beispiel: Die Paul-Gruppe wappnet sich für den Vertrieb der Stromer: Einmal steht die E-Vade GmbH in der Gruppe für „Electric Mobility & Future Transportation“, wie es im Eigenmarketing heißt. Zudem engagiert sich die Paul Nutzfahrzeuge GmbH in der seriellen Elektrifizierung von ausgedienten „Mercedes-Benz-Vario“-Modellen. Dabei arbeitet der verlängerte „Erstausrüstungszweig“ im Unternehmen mit BPW zusammen und bedient sich preisgekrönter E-Achsen, wie seit Januar bekannt ist. Mit diesem Wissens- und Technologievorsprung lassen sich in der wie auch immer gearteten Elektro-Zukunft sicher auch die entsprechenden Werkstattleistungen fachkompetent anbieten und verkaufen, sind sich die Niederbayern sicher. Martin Schachtner


 
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