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Fachartikel Profi-Werkstatt – Dezember 2017 / Ausgabe 6

Werkstattporträt

Werkstattporträt der Betriebe Nutzfahrzeuge Hoffmann, Suttner Motoren und JFW Historische Lkw

Die Hoffmanns aus Oberhausen sind in der Szene die Adresse für die Restauration und Reparatur von historischen Lkw. Doch sie plagt die ständige Sorge um den beruflichen Nachwuchs. Und es geht ihnen nicht alleine so. Wie aber sehen Lösungen aus?

„Es fehlt einfach an Interessenten für handwerkliche Berufe! In der Wirtschaft und in der Industrie kann man sein Geld leichter verdienen. Und vor allem: Man macht sich nicht die Finger schmutzig.“ Sascha Hoffmann ist ein ausgeglichener Mensch, doch beim Blick in die riesige Werkstatthalle fragt er sich regelmäßig: „Wann soll das alles noch fertig werden? Wir haben eine Super-Auftragslage und suchen verzweifelt nach Mitarbeitern. Vor allem Allrounder mit einem Faible für klassische Lkw sind nicht zu bekommen. Wir suchen schon lange – aber vergeblich!“ Solche Arbeitskräfte, so sein Gefühl, „werden entweder unter der Hand vergeben oder es gibt sie vielleicht gar nicht mehr“. Der 38-jährige Chef von Nutzfahrzeuge Hoffmann hat den Betrieb von seinem Vater Helmut (70) übernommen. Und dann verantwortet der Kfz-Meister auch noch das Geschäft des Nutzfahrzeuge Veteranen Center GmbH (NVC) mit einer Vielzahl an top-restaurierten Lastwagen. Die Liebe zu den Oldies hat Sascha sozusagen vom Papa in die Wiege gelegt bekommen. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass in dem Betrieb mit dem 44.000 Quadratmeter großen Areal auch nur irgendetwas von alleine geht.

Wo ihre rollenden Raritäten auftauchen, machen die Menschen lange Hälse und ziehen ehrfurchtsvoll den Hut vor der Qualität der Arbeit. Doch damit fängt das Problem genaugenommen schon an. „Nichts, was hier gemacht wird, bleibt dem Zufall überlassen. Zwar verfügen wir mit über 50.000 Teilen über ein riesiges Ersatzteillager, doch was nutzt es am Ende, wenn sich niemand findet, der die Teile auch montieren kann“, fragt sich Sascha immer wieder. Zum Personal gehören zwei Lackierer, ein Sandstrahler, ein Karosseriebauer, ein Fahrzeugbauer und zwei Mechaniker. Natürlich auch noch eine Bürokraft und die beiden Hoffmänner selbst. Weil sich die Restaurationsaufträge mittlerweile stapeln und der Betrieb schon lange aus den Nähten platzt, wird die Suche nach geeigneten Fachkräften immer existenzieller. Sascha: „Dazu gehören Experten für die Fahrzeugelektrik und die -technik. Doch wer kann noch einen Kabelbaum für einen Lkw aus den 1950er oder 1960er Jahren nachfertigen oder einen Anlasser instand setzen?“

Passender Nachwuchs wie ein Sechser im Lotto

So unglaublich es auch klingt, aber wären die Hoffmanns nicht so umtriebig, würde es ihren Betrieb vielleicht schon nicht mehr geben. Sie nehmen an unzähligen Ausfahrten teil, um Kontakte aufzubauen und zu pflegen. Und sie veranstalten sogar eigene Kippertreffen in Kiesgruben, damit ihre Kunden und Freunde die Leidenschaft für die urbane Technik auch richtig ausleben können. „Wir haben in der Vergangenheit immer wieder das Glück gehabt, dass wir auf Menschen getroffen sind, deren handwerkliche Qualitäten sich wie ein Sechser im Lotto erwiesen haben“, berichtet Sascha über Marcin Kosakowski und Yusef Al-Sabekh. Seit wenigen Monaten arbeiten der Pole und der Syrer in Oberhausen: „Beide legen eine Sorgfalt und eine Akribie an den Tag, die bei der Restauration von historischen Lkw unerlässlich ist. Hervorragend ist auch, wie sie sich immer wieder in die Materie hineinversetzen und Dinge quasi im Alleingang lösen.“ Während vor allem polnische Mitarbeiter im Kfz- und Nutzfahrzeughandwerk für ihre Qualitäten bekannt sind, stellt sich nur die Frage, wie es Yusef Al-Sabekh geschafft hat, die umfangreichen Anforderungen seines neuen Arbeitgebers zu erfüllen. Sascha Hoffmann: „Er ist schon als Kind in seinem Heimatland mit Achsen und Getrieben groß geworden. Später hat er dann in einer Hafenwerkstatt gearbeitet und an alten Autos geschraubt. Er weiß vor allem noch, wie mechanische Technik funktioniert und wie man sie reparieren kann.“

Keine Diagnosetechnik

Wie gesagt: Die Hoffmanns haben mit dem Sammeln und dem Restaurieren der alten Technik die Zeichen der Zeit erkannt und sich bei all ihren Aktivitäten nicht dem Diktat der Hersteller gebeugt, ständig in neue Werkstatttechnik investieren zu müssen. Auf den ersten Blick mutet hier deshalb auch vieles antiquiert an, es erfüllt aber in jeder Beziehung seinen Zweck. „Es gibt hier keine Diagnosetechnik, alles wird mechanisch erledigt“, berichtet Sascha, der wie sein Vater Helmut in jeder freien Minute an alten Lkw schraubt. Angefangen hat die Leidenschaft bei Helmut Hoffmann übrigens mit einem Krupp Titan von 1952. Dessen Kabine ist alleine drei Meter hoch und die wunderschön gewölbte Haube scheint nicht enden zu wollen. Ganz abgesehen von dem Wunder der Technik, das sich unter ihr verbirgt. Der Titan ist wirklich ein Paradestück hoher deutscher Ingenieurskunst. Wer hätte das gedacht: Dieses Flaggschiff hat sogar die Kraft der zwei Herzen, denn Krupp verpflanzte seinerzeit zwei gekoppelte Dreizylinder-Dieselmotoren mit je 105 PS und 4,4 Litern Hubraum. Ebenso verfügt der Titan über zwei getrennte Einspritzpumpen.

Nicht in die Schrottpresse

Fast 30 Jahre lang brachte es der frühere Spediteur und Nutzfahrzeughändler einfach nicht übers Herz, alte Lkw in den Export zu schicken oder, noch schlimmer, in die Schrottpresse. „Jeder Lkw hat seine eigene Geschichte. Was glauben Sie, wenn die Lastwagen erzählen könnten. Über ihre Arbeit und über das, was sie in all den Jahren geleistet haben“, sagt er und erstarrt in Ehrfurcht vor den bei ihm versammelten Zeitzeugen der Nutzfahrzeuggeschichte. Dabei geben Sascha und Helmut Hoffmann die Hoffnung einfach nicht auf, dass ihr wohl einmaliger Bestand an alten Lkw, Ersatzteilen und Motoren doch noch irgendwo auf der Welt gebraucht wird. Zumindest eine Erfahrung haben sie schon oft gemacht: „Da rufen auf einmal Leute an, die ganz dringend ein bestimmtes Teil suchen. Und wir sind froh, wenn wir dann helfen können.“ Die meisten Interessenten für historische Nutzfahrzeuge kommen inzwischen direkt nach Oberhausen. Um das mit eigenen Augen zu sehen, was Normalsterbliche einfach für unmöglich halten. Denn hier scheint die Zeit tatsächlich stehengeblieben zu sein. Es ist wie im Wirtschaftswunder-Deutschland, als Lkw die Republik wieder in Schwung brachten.

Gute Zusammenarbeit

Zwar verfügt das NVC in Oberhausen über gigantische Mengen an historischen Motoren, doch kann es auch sein, dass Teile neu beschafft oder sogar nachgefertigt werden müssen. Grundsätzlich können Lager neu gegossen oder Kolben neu gebaut bzw. überarbeitet werden. In solchen Fällen kooperiert die Firma Hoffmann mit einer Reihe von qualifizierten Experten, die sich auf dieses Handwerk verstehen. Stefan Suttner aus Hamminkeln am Niederrhein ist einer von ihnen. Suttners Herz schlägt vor allem für alte Lkw und historische Transporter. Kein Wunder, dass Suttner auch einen Oldie fährt. Und zwar einen 1952er Opel Olympia Caravan mit 39 PS. Dass der kultige Kombi als Lkw zugelassen ist, ist kein Zufall: Ständig hat Suttner schwere Ersatzteile an Bord und setzt den Opel Olympia für die Belieferung der Kunden ein. Ja, der alte Opel ist ein absoluter Sympathieträger. Besonders stolz ist Suttner darauf, dass es sich bei dem äußerst raren Lieferwagen, der ein zulässiges Gesamtgewicht von 1.270 Kilogramm hat, tatsächlich um einen alltagstauglichen Oldtimer handelt, der bei den Mitarbeitern und in der Kundschaft gleichermaßen gut ankommt. „Einsteigen, anstellen, losfahren. Er läuft wie am ersten Tag“, lacht der 48-jährige Motor-Doktor.

Auf Suttners Gelände stehen einige alte Lkw, die Probleme mit dem Antrieb haben. Zum Beispiel ein legendärer Hanomag 100 Diesel-Schnelltransporter von 1940. Er heißt Gigant und ist auch ein Gigant. Aber da parken auch noch ein 1950er MAN oder ein Ford FK 3500 von 1953 mit Herkules-Dieselmotor. Der besonders imposante Hanomag hat 100 PS und der Sechszylindermotor verfügt über 8.553 Kubik. Ursprünglich war der seltene Lkw einmal im harten Baustelleneinsatz unterwegs, bevor er später in die Hände eines ostfriesischen Schaustellers wechselte. „Er ist einzigartig“, freut sich Helmut Hoffmann darüber, dass dieses Fossil dank Sutters Hilfe bald wieder richtig laufen wird. Und obwohl der Gigant schon exotisch anmutet, kommt bei diesem raren Lkw noch eine weitere Besonderheit hinzu. Die Vorderachse wurde seinerzeit weiter nach hinten verlegt, was den Hanomag zu einem absoluten Einzelstück macht. Selbst Helmut Hoffmann kommt beim Anblick dieses Prachtexemplars aus dem Staunen gar nicht mehr heraus: „Am Ende wird er wie neu sein. Stefan macht hier eine Arbeit, die wirklich ihresgleichen sucht.“

Man kann es natürlich auch anders machen. Und statt auf die Suche nach qualifizierten Kräften zu gehen, eigene Leute ausbilden. Seit 2010 bildet Jan-F. Walther in seiner Fachwerkstatt für historische Nutzfahrzeuge Auszubildende in den Bereichen Landmaschinentechnik und Feinwerkmechanik aus. 17 Mitarbeiter zählt der Betrieb im niedersächsischen Stapel bei Rotenburg inzwischen, darunter sind fünf Lehrlinge. „Nachwuchs im klassischen Sinn gibt es ja nicht. Also muss man selbst die Voraussetzungen dafür schaffen“, sagt sich der 43-jährige Walther, der mit seinem Betrieb zur Jahrtausendwende an den Start gegangen ist. Bei aller Spezialisierung hat der gebürtige Hamburger stets darauf geachtet, so „breit wie möglich“ aufgestellt zu sein. Längst sind seine Mitarbeiter und er ausgewiesene Experten für die Instandhaltung von Bremsanlagen. „Allein drei Leute sind bei uns jeden Tag damit beschäftigt. Und in vielen Fällen versenden wir auch die passenden Teile, die wir übrigens selbst herstellen, an unsere Kunden.“ Neben historischen Lkw richtet Walther seinen Fokus ebenfalls auf Spezialfahrzeuge, klassische Omnibusse und Pkw-Oldtimer. Für sämtliche Fahrzeuge werden auch Bremszylinder, Bremskraftverstärker und Druckluftventile instand gesetzt.

Noch einmal das Thema beruflicher Nachwuchs. „Wir haben schon sehr früh festgestellt, dass das Interesse an historischen Nutzfahrzeugen groß ist. Oft scheiterte es aber auch an den Möglichkeiten, jeden Tag zu uns aufs Land zu kommen. Zwei unserer Auszubildenden wohnen deshalb in einer WG direkt bei uns auf dem Gelände. Hier haben wir auch schon öfter Praktikanten untergebracht und ihnen so die Möglichkeit gegeben, unser Handwerk kennenzulernen.“ Ebenso schwer ist es in der Praxis aber auchd, die ausgelernten Mechaniker als Gesellen zu übernehmen. „Menschen mit diesen Qualifikationen sind auch in der Industrie sehr gefragt“, hat Walther immer wieder feststellen müssen. Die Frage, warum ausgerechnet eine Ausbildung zum Landmaschinenmechaniker gute Voraussetzungen für die Restaurierung von Lkw bietet, beantwortet Walther aus eigener Erfahrung: „In diesem Bereich hat man es mit Hydraulik, Getrieben und Einzelanfertigungen zu tun. Und Einzelanfertigungen sind wichtig für den Karosseriebau, der ja einer unserer Schwerpunkte ist.“

Klassiker mit Kultstatus

Dass auch Walther ein ausgewiesener Kenner der Szene ist, zeigt der legendäre Fiat 642 RN 2 Bartoletti Renntransporter von 1957. Es ist eines von insgesamt drei Fahrzeugen dieser Art, die jemals gebaut wurden. Auftraggeber war seinerzeit Enzo Ferrari persönlich. Der imposante Truck mit 6,6 Litern Hubraum, 90 PS und unsynchronisiertem Vierganggetriebe besitzt in der Ferrari-Szene absoluten Kultstatus. Entstanden ist der wunderschöne Klassiker mit weltweitem Bekanntheitsgrad übrigens auf Basis eines Bus-Fahrgestelles. Fast zwei Jahre lang hat Jan-F. Walther im Auftrag eines Ferrari-Sammlers aus Süddeutschland an der Restaurierung dieser einzigartigen Freiluftwerkstatt gearbeitet. Das Ergebnis ist atemberaubend und perfekt. Klar ist Walther stolz darauf, solche Juwelen für die Nachwelt erhalten zu haben, doch Angeberei und Protzerei sind nicht sein Stil. Wozu auch. Er versteht sich als Handwerker. „Wir restaurieren, wir renovieren, wir reparieren und wir rekonstruieren“, sagt er. „Das heißt aber nicht, dass es immer komplette Fahrzeuge sein müssen. Auch Motoren, Getriebe oder die Elektrik sind unser Metier.“ Norbert Böwing


 
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