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Fachartikel Profi-Werkstatt – Juni 2017 / Ausgabe

Ersatz- und Verschleissteile

Ersatzteilstrategie und Lagerkonzept - Interview mit Dr. Peter-Hendrik Kes

Im Interview spricht Dr. Peter-Hendrik Kes, Geschäftsführer Schmitz Cargobull Parts & Services, über das Servicenetz, die Ersatzteilstrategie und das Lagerkonzept des größten Trailerherstellers Europas.

Herr Dr. Kes, bei den Fahrzeugherstellern gibt es ja das bekannte Sprichwort, wonach der Vertrieb den ersten Lkw verkauft und der Service den zweiten. Welchen Stellenwert hat Ihre Servicewelt für das Trailergeschäft von Schmitz Cargobull?
Peter-Hendrik Kes: Mittlerweile einen sehr hohen. Das können Sie auch an unserem Standkonzept sehen, dass wir hier auf der Messe transport logistic präsentieren: Hier steht kein einziges Fahrzeug von uns. Wir konzentrieren uns hier auf alle Servicekomponenten, die wir anbieten. Ich bin davon überzeugt, dass wir mit unseren Lösungen heute und für die Zukunft bestens aufgestellt sind, um unsere Kunden in ihrer Transportaufgabe über den gesamten Lebenszyklus eines Trailers hinweg mit den passenden Lösungen zu unterstützen. Wir sind der Meinung, dass der Service immer wichtiger wird. Der Trailer ist dabei die Transporteinheit. Wir als Trailerhersteller, und das sehen wir genauso wie die Lkw-Hersteller, müssen dafür sorgen, dass der Trailer funktioniert und 24 Stunden läuft.

Sehen das nur Sie so oder auch Ihre Kunden?

Wir haben seit der letzten IAA 2016 viel über Digitalisierung und Transportmanagement 4.0 nachgedacht und darüber, wie wir uns im digitalen Umfeld zukünftig aufstellen wollen. Und wenn man das vernünftig machen will, dann spricht man vorher mit Kunden. Wir haben unsere Kunden nach ihren sogenannten „pain points“ gefragt und wollten wissen, was sie von uns erwarten, um ihnen das Leben einfacher zu machen. Und dabei kam genau das heraus, was ich anfangs ausgeführt habe.

Bitte beschreiben Sie die Ersatzteilstrategie von Schmitz Cargobull in wenigen Sätzen.

Wir sind ein Komplettanbieter für Trailerteile. Das beinhaltet die Schmitz Cargobull-spezifischen Teile, die es aufgrund der Konstruktion nur bei uns gibt. Zudem haben wir mittlerweile alle namhaften ­Zulieferteile im Angebot, die im Trailergeschäft benötigt werden. Außerdem sehen wir, dass man zwei unterschiedliche Kategorien von E-Teilen haben muss: OEM-Qualitätsstandard für den Garantiefall und bei Reparatur- und Wartungsverträgen sowie Teile mit einer abgespeckten Qualität für ältere Fahrzeuge und Fahrzeuge, die unter einem hohen Kostendruck stehen.

Sehen Sie sich auch als Teilehändler?
(schmunzelt) Als OEM-angeschlossener Teilehändler, ja, durchaus. Wir haben zum Beispiel Knorr-, Wabco-, SAF- und BPW-Teile, aber auch Teile aller anderen namhaften Hersteller im Portfolio. Diese E-Teile werden ja nicht nur an unseren Fahrzeugen verbaut, sondern auch an allen anderen Trailern.

Wo sehen Sie Ihre Stärken im Servicebereich?
Wir sind die ersten gewesen, die einen Reparatur- und Wartungsvertrag für einen Auflieger angeboten haben. Das war vor der Jahrtausendwende. Da hat man uns rundweg ausgelacht und gesagt: Das will doch kein Mensch haben. Mittlerweile hat sich diese Einstellung geändert. ­
Aufgrund unserer langjährigen Erfahrung können wir heute die Services kundenspezifisch managen, kalkulieren und abwickeln. Das heißt auch: Wir wickeln alle Services, die wir ­anbieten, in Eigenregie ab – mit eigenen Systemen und mit unserem eigenen Servicepartnernetzwerk mit mehr als 1.300 Servicepartnern europaweit. Das war die Basis für das gesamte Dienstleistungspaket, das wir heute anbieten, und für Services, die noch kommen werden.

Wie viele Neufahrzeuge gehen aktuell mit R+W-Vertrag heraus?

Das ist produktabhängig und schwankt zwischen 15 und 20 Prozent. Tendenziell setzen Betreiber von Kühl-Flotten stärker auf die R+W-Verträge.

Wie umfangreich ist Ihr Ersatzteil­sortiment?

Aktiv bevorraten wir knapp 16.000 unterschiedliche Identnummern. Das gesamte Teilespektrum liegt bei etwa 50.000 verschiedenen Ersatzteilen.

Bis zu welchem Fahrzeugalter gewährleisten Sie eine Ersatzteilversorgung?

Wir haben schon immer mindestens zehn Jahre lang Ersatzteile für unsere Trailer bevorratet – und darüber hinaus auch für ältere Fahrzeuge.

Was hat sich durch die Einführung der eigenen Schmitz Cargobull-Achse und heuer der eigenen Kühlmaschine geändert – für die Servicebetriebe und für die Lagerhaltung?
Zunächst einmal müssen sie die Teile europaweit vorrätig haben. Bei einer Produkteinführung werden dann sogenannte Mobilitätspakete geschnürt, die ein Servicepartner unbedingt bevorraten muss. Ergänzend kamen für die Servicebetriebe speziell mit der neuen Kühlmaschine neue Qualifikationen und Ausbildungen für deren Mitarbeiter hinzu. Dies unterstützen und trainieren wir mit detaillierten Schulungen und Lehrgängen.

Können denn alle Schmitz Cargobull-­Servicepartner jetzt auch Kühlgeräte reparieren?
Nein, das ist auch nicht unbedingt notwendig, denn es gibt Servicebetriebe, die sich auf die Trailertechnik festgelegt haben und die keine Kühltechnik reparieren wollen. Das ist so. Deshalb gehen wir hier auf Betriebe zu, die eine entsprechende kältetechnische Erfahrung haben. Die also schon etwas in Richtung Klima- oder Kältetechnik gemacht haben. Da wir für die Kühlmaschine einen proaktiven Service haben – das heißt unsere Telematikanlage meldet Fehlercodes, die dann entsprechend priorisiert werden –, leitet sich daraus die Hauptanforderung an unseren Kühlmaschinenservice ab. Und die lautet: 24/7-Einsatzbereitschaft.

Wie arbeiten Sie mit dem Handel in Deutschland zusammen?
Selbstverständlich kann der bei uns auch Teile einkaufen.
Macht er das auch?
Ja.

Und in welchem Umfang?
In relativ geringem Maße. Das liegt daran, dass der Hauptteil der benötigten Ersatzteile Verschleißteile sind und die hat der Teilehandel sowieso. Der Handel kann bei uns auch ein Heckportal oder eine Eckstütze kaufen. Nur das tut er in den seltensten Fällen, weil diese Teile nicht sein Kerngeschäft sind und unsere Kunden wollen ja keine zusätzlichen Handelsstufen finanzieren. „One stop shop“ ist da ausschlaggebend. Deshalb machen wir auch mehr als 50 Prozent unseres Teileumsatzes mit Verschleißteilen.

Wie viele Servicestationen haben Sie in Deutschland?

Circa 620.

Welche Anforderungen müssen die ­erfüllen?

Arbeiten unterhalb des Chassis muss jeder können, das ist klar. Und dann geht es in die Spezialgebiete des Aufbaus. Wenn sie zum Beispiel einen Unfallschaden am Kühlfahrzeug reparieren wollen, müssen sie besonderes Know-how im Reparaturbereich haben. Dabei geht es um die Klebetechnik oder die Reparatur einer Seitenwandpanele. Wir haben Spezialisten für Kühlfahrzeuge im Servicenetz, für Kipper und alle übrigen Aufliegertypen. So klassifizieren wir die Betriebe in entsprechende Kompetenzcenter und weisen das auch über unser Servicepartnerportal aus. Es gibt natürlich auch Servicepartner, die alles können.

Und müssen die Partner regelmäßig ­Schulungen besuchen?

Basisschulungen muss jede Werkstatt besuchen. Wir auditieren die Betriebe in regelmäßigen Abständen. Da schauen wir zum Beispiel nach, ob ein Mechaniker, der eine Kühlmaschinenschulung besucht hat, überhaupt noch im Unternehmen ist.

Ist die Netzgestaltung abgeschlossen?
Nein, die ist nie abgeschlossen. Das Servicenetz muss leistungsfähig sein und die Qualitätskriterien erfüllen. Es ist Aufgabe unseres Servicepartnermonitorings, die Betriebe zu überwachen und gegebenenfalls zu unterstützen. Wir haben eine Vielzahl von Daten, die wir auch mit Servicepartnern diskutieren. Da geht es zum Beispiel um die abgelehnten Pannenfälle. Wenn ein Betrieb einen nächtlichen Pannenfall abgelehnt hat, wollen wir genau wissen, welche Gründe es dafür gab. Auf diese Weise versuchen wir die Qualität hochzufahren und uns kontinuierlich zu verbessern. Dabei betrachten wir unsere Servicepartner als Partner: Wir drücken da nicht mit dem dicken Daumen drauf, sondern definieren gemeinsam Maßnahmen, um es zukünftig besser zu machen. Es gibt womöglich auch Dinge, die wir nicht so machen, wie es der Servicepartner gerne hätte. Auch darüber muss man sprechen.

Wie wichtig ist Ihnen das Thema Signalisation?
Es sollte so sein, dass ein Kunde, der in die Werkstatt fährt, sofort weiß, dass er da zu einem autorisierten Servicepartner von Schmitz Cargobull kommt. Aber da es nicht unsere eigenen Betriebe sind, kann man dieses nur in gewissem Maße von den Werkstätten verlangen. Bei unseren Kooperationen mit Lkw-Herstellern stehen deren Marken natürlich an oberster Stelle. Auf der anderen Seite haben wir auch viele Servicebetriebe, die aktiv den Elefanten herausstellen, weil sie stolz darauf sind, unser Servicepartner zu sein.

Wie gestalten Sie Ihre Lagerhaltung?
Unser Zentrallager steht in Altenberge und von dort aus beliefern wir unsere nationalen Lager, die sogenannten Support Warehouses, in den einzelnen Märkten. Den Markt in Deutschland beliefern wir momentan ausschließlich von Altenberge aus. Aber wir analysieren gerade unser Lagernetzwerk und es kann dabei durchaus herauskommen, dass wir zukünftig auch Cross-Boarder-Belieferungen machen. Hier wollen wir uns logistisch noch weiter optimieren.

Welche Rolle spielen die Lieferzeiten bei Ihnen?

Rund um unser Zentrallager operieren wir bei Bedarf mit Kurierfahrten. Wenn es national größere Entfernungen zu überbrücken gilt, machen wir das im Nachtsprung. Grundsätzlich spielen die Lieferzeiten logischerweise eine wesentliche Rolle, aber ob taggleich oder im Nachtsprung ist nicht mehr ausschlaggebend. Es ist doch bekannt, dass sich jede Werkstatt in Deutschland, wenn sie will, jeden Tag von mehreren Teilehändlern beliefern lassen kann. Der Trend geht aber weg von dieser Ad-hoc-Belieferung, hin zu predictive maintenance. Man möchte also ungeplante Werkstattaufenthalte möglichst vermeiden. Auch in diesem Szenario müssen wir den Werkstätten die Möglichkeit bieten, die benötigten Ersatzteile in einer vernünftigen Zeit zu bekommen. Doch das wird sicherlich nicht die „Same-Day Delivery“ sein.
 
Welche Rolle spielen R+W-Verträge heutzutage für das Servicegeschäft?
Für die gezogene Einheit ist das nahezu Standard. Da managen wir derzeit fast 15.000 aktive Fahrzeuge. Aber das Interessante ist, dass wir dieses Reparaturmanagement jetzt auf Zugmaschinen ausweiten. Da haben wir auch bereits erste Kunden. Außerdem sind wir dabei, das Reifenmanagement für unsere Schmitz Cargo­bull-Reifen europaweit zusammen mit Hankook und Pneunet auszurollen.

Herr Kes, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Thomas Pietsch, ­Chefredakteur der PROFI Werkstatt, auf der Messe transport logistic 2017.


 
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